Arbeitslosigkeit - Definition und Konzepte

Arbeitslosigkeit ist aus makroökonomischer Perspektive zunächst ein Indikator für die Unterauslastung des Produktionsfaktors Arbeit und die dadurch verursachte Minderung an Wertschöpfung (vgl. Hartmann & Riedle 2005, S. 304). In sozialpolitischer Hinsicht stehen dagegen in erster Linie die individuellen Belastungen, v.a. durch den Einkommensausfall, im Vordergrund.

Darüber wann eine Person als arbeitslos gilt, sei es nun unter rein volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten oder bezüglich ihrer Ansprüche auf staatliche Transferleistungen, gibt es national wie international unterschiedliche Auffassungen. Auf den ersten Blick scheint die Antwort naheliegend: diejenigen die Arbeit suchen und keine finden sind arbeitslos, diejenigen, die Arbeit haben oder keine suchen sind demzufolge nicht arbeitslos. In der Realität stellt sich die Situation jedoch oft diffizil dar, denn es gibt zahlreiche Grauzonen zwischen Beschäftigung, Unterbeschäftigung und Nicht-Beschäftigung, die eine klare Trennung im Grunde unmöglich machen. Fraglich bleibt auch, ob Langzeitarbeitslosen, die aufgrund jahrelanger erfolgloser Bemühungen einen Arbeitsplatz zu finden, schlussendlich die aktive Suche aufgegeben haben, unterstellt werden kann, sie seien grundsätzlich nicht mehr an einer Beschäftigung interessiert und damit nicht mehr Teil der zugrundegelegten Erwerbsbevölkerung.

Eine national und international verbindliche Definition von Arbeitslosigkeit, die allen Ansprüchen gerecht wird, existiert aktuell nicht. Doch bevor man sich mit den Folgen von Arbeitslosigkeit beschäftigen kann, ist es unumgänglich, vorab zu klären, welche Definitionen des Begriffs generell existieren, und welche im Rahmen der folgenden Untersuchung zugrunde gelegt wird. Die Darstellung und der Vergleich der verschiedenen Konzepte zur Messung von Arbeitslosigkeit in Deutschland soll hier zunächst Klarheit über den Personenkreis geben, der nachfolgend im Zentrum des Interesses stehen wird.

Im Rahmen der statistischen Ermittlung von Arbeitslosigkeit in Deutschland gibt es prinzipiell zwei unterschiedliche Konzepte. Auf der einen Seite das Konzept der „Arbeitslosigkeit", das den Veröffentlichungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) zugrunde liegt, und auf der anderen Seite das Konzept der „Erwerbslosigkeit" der International Labour Organisation (ILO), welches vom Statistischen Bundesamt verwendet wird. Mit beiden Konzepten soll das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in Deutschland gemessen werden - sie basieren allerdings auf unterschiedlichen Definitionen und verwenden voneinander abweichende Erhebungsmethoden. Gemeinsam ist beiden Konzepten der Grundgedanke, dass diejenigen Personen als erwerbs- bzw. arbeitslos gelten, die während einer bestimmten Periode ohne Arbeitsplatz sind, gleichzeitig aber Arbeit nachfragen und damit dem Arbeitsmarkt potenziell zur Verfügung stehen - also bereit sind, Arbeit aufzunehmen. Von Arbeitslosigkeit bzw. Erwerbslosigkeit spricht man daher i.d.R. erst dann, wenn sie unfreiwillig ist.

In der Statistik der registrierten Arbeitslosigkeit, die monatlich von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlich wird, gelten genauer Personen als arbeitslos,

„die vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, das 15 Wochenstunden und mehr umfasst, eine versicherungspflichtige Beschäftigung von mindestens 15 Wochenstunden suchen und dabei den Vermittlungsbemühungen der Agenturen für Arbeit bzw. der Träger der Grundsicherung zur Verfügung stehen und sich dort persönlich arbeitslos gemeldet haben." (Bundesagentur für Arbeit 2009a)

Als arbeitslos gelten hierbei nicht Personen, die keine Erwerbstätigkeit ausüben können oder dürfen (z.B. Strafgefangene, Personen ohne Arbeitserlaubnis, „Erwerbsunfähige" aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen), Personen im Bildungssystem, in Altersrente, Wehr- oder Zivildienstleistende, Personen in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, sowie Personen im „Altersruhestand wegen Arbeitslosigkeit". Die Meldung als Arbeitsloser oder Arbeitssuchender bei der BA ist somit eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung zur Definition als „registrierter Arbeitsloser", wie sich v.a. bei den beiden letztgenannten Gruppen zeigt.

Die monatlich im Rahmen der Arbeitsmarktstatistik veröffentlichte Erwerbslosenquote des Statistischen Bundesamtes wird nach den Kriterien der International Labour Organization (ILO) ermittelt. Dieses international vergleichbare Konzept der Erwerbslosigkeit wird in allen EU-Mitgliedsstaaten in Form der „EU Arbeitskräfteerhebung" (EU-AKE) identisch angewandt um die „ökonomische", d.h. von der nationalen Sozialgesetzgebung unabhängige Arbeitslosigkeit zu bestimmen. Hierbei wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 Jahre und älter) in Nichterwerbspersonen und Erwerbspersonen unterteilt, wobei letztere wiederum in Erwerbstätige und Erwerbslose gegliedert werden. Als erwerbslos werden Personen definiert, wenn sie nicht erwerbstätig sind, aktiv eine Tätigkeit suchen und diese innerhalb von zwei Wochen antreten können (vgl. Statistisches Bundesamt 2009a).

Durch die Unabhängigkeit von nationalen Besonderheiten der Sozialgesetzgebung und die internationale Standardisierung der ILO-Definition ist das Konzept der Erwerbslosigkeit für vergleichende Länderstudien besonders geeignet. Die Definition der BA und die daraus resultierende registrierte Arbeitslosigkeit ist dagegen maßgeblich von änderungen in der nationalen Gesetzgebung beeinflusst wie z.B. durch die Einführung der Hartz-Reformen Anfang 2005, die zu einer Ausweitung der statistisch erfassten Arbeitslosigkeit geführt haben. Jedoch bieten die Daten der BA den Vorteil, dass die Erfassung nicht auf Befragungen und Hochrechnungen beruht, sondern auf der Vollauszählung des amtlichen Registers der Arbeitsagenturen bzw. der kommunalen Träger, was eine sehr genaue und fehlerfreie Ermittlung der registrierten Arbeitslosigkeit erlaubt. Naturgemäß können jedoch nur Personen erfasst werden, die sich bei diesen Einrichtungen melden. Beim Stichprobenverfahren des Statistischen Bundesamtes werden dagegen auch Personen erfasst, die die Kriterien der Erwerbslosigkeit erfüllen, jedoch nicht bei der Arbeitsagentur registriert sind. Die Befragungsergebnisse beruhen hierbei auf den Selbsteinschätzungen der Betroffenen zum eigenen Erwerbsstatus und werden lediglich hochgerechnet.

Es lässt sich festhalten, dass weder die BA-Statistik anhand der registrierten Arbeitslosigkeit, noch die ILO-Statistik des Statistischen Bundesamtes das Ausmaß der „wahren" Unterbeschäftigung in Deutschland vollständig beschreiben kann. Auf der einen Seite umfasst die ILO-Arbeitsmarktstatistik Erwerbslose, die die BA nicht als arbeitslos registriert, und auf der anderen Seite gelten dort wiederum Personen als arbeitslos, die nach Definition der ILO nicht zu den Erwerbslosen zu zählen sind. Zudem werden bestimmte Personengruppen systematisch nicht erfasst, wie Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in der Statistik der BA oder arbeitslose Erwerbspersonen, die die Suche nach einer Erwerbstätigkeit zeitweise oder endgültig aufgegeben haben, in den Ausführungen des Statistischen Bundesamtes (sog. "discouraged workers", vgl. Hartmann & Riedle 2005, S. 308). Denn die ILO-Statistik erfasst hier das aktuelle, tatsächliche Suchverhalten, während die BA-Statistik eher ausweist, wie viele Personen die theoretische Verpflichtung zur aktiven Arbeitsuche eingegangen sind. Die ILO-Statistik stellt damit stärker auf konkretes Handeln, die Statistik auf Grundlage des SGB stärker auf die rechtliche Verpflichtung ab. Die Heterogenität der Anforderungen zeigt, dass sich das Informationsbedürfnis über den Umfang der Unterbeschäftigung nicht durch eine einzelne Statistik befriedigen lässt. In diesem Sinne gibt es kein besseres oder schlechteres Konzept zur Erfassung der Unterbeschäftigung, vielmehr sollte je nach Fragestellung entschieden werden, welche Statistik verwendet wird und ggf. wechselseitig ergänzt werden.

Im Rahmen der späteren empirischen Untersuchung wird die Arbeitslosigkeitserfahrung auf Grundlage der SOEP-Kalendarien zum Erwerbsstatus abgebildet. Da diese konkret die Arbeitslosmeldung abfragen, basiert die Unterscheidung von Arbeitslosen und Nicht-Arbeitslosen nachfolgend auf der Definition der registrierten Arbeitslosigkeit der BA.

Ausmaß und Entwicklung der Arbeitslosigkeit

Im folgenden Kapitel soll ein kurzer überblick über die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland sowie die momentane Situation gegeben werden. Die zugrunde gelegten Daten basieren, wie erwähnt, auf den Auszählungen der registrierten Arbeitslosen der BA. Die Arbeitslosenquote der BA berechnet sich aus dem Verhältnis der Zahl der Arbeitslosen zur Zahl der zivilen Erwerbspersonen.[1] Diese Quote schwankte seit 1991 im Jahresdurchschnitt zwischen 7,3 % und dem bisherigen Höchstwert von 13 % im Jahr 2005. Für das Jahr 2009 lag die Quote für das gesamte Bundesgebiet bei 9,1 % (Statistik der BA: Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf, Datenstand Dezember 2009). In absoluten Zahlen stieg die Anzahl der als arbeitslos registrierten Personen nach der Wiedervereinigung von 2,6 Mio. auf aktuell 3,27 Mio. und erreichte ihren Höchststand 2005 mit 4,86 Mio. Arbeitslosen.[2]

Im längeren Verlauf der Entwicklung (vgl. Abbildung 1) lässt sich feststellen, dass sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland, des sog. „Wirtschaftswunders", die Arbeitslosigkeit zunehmend auf einem sehr niedrigen Niveau konsolidierte. Die spätere Nachkriegszeit brachte schließlich eine Phase der annähernden Vollbeschäftigung hervor, in der Arbeitslosigkeit in der Regel nur als saisonale oder friktionelle übergangserscheinung auftrat (vgl. Mehlich 2005, S. 99). Die Arbeitslosenquote lag demzufolge zwischen 1960 und 1973 um 1 % und betraf nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung. Diese Phase war stark geprägt durch männliche Erwerbstätigkeit im Rahmen klassischer Normalarbeitsverhältnisse. Die ölkrisen 1973 und 1979 beendeten schließlich diese Phase und führten zum Aufbau einer erheblichen Sockelarbeitslosigkeit in Deutschland. 1975 erreichte die absolute Arbeitslosigkeit erstmals die Millionengrenze (4,7 %) und verdoppelte sich im Verlauf der 1980er Jahre auf über zwei Millionen.

Im Zuge der Impulse durch die Wiedervereinigung fiel die Marke in den alten Bundesländern noch einmal unter die zwei Mio. Grenze, bis die Arbeitslosigkeit mit der einsetzenden Rezession ab 1993 wieder stark anstieg. Nach der Wiedervereinigung kommt es zu unterschiedlichen Entwicklungen im alten Bundesgebiet und den neuen Ländern (vgl. Abbildung 2). So ist die Situation in den neuen Bundesländern geprägt durch eine wesentliche höhere Arbeitslosigkeit, die hauptsächlich auf die Anpassung an die neue Wirtschaftsstruktur zurückzuführen war, und die damit verbundene höhere Freisetzung als Neueinstellung von Arbeitskräften. Im ersten Halbjahr 1990 lag die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland noch bei 6,6 % und stieg im Jahresdurchschnitt 1991 bereits auf 10,2 % an. Bis 1997 zog die Quote weiter stark an und bewegte sich seitdem auf einem konstant hohen Niveau von jahresdurchschnittlich 18,5 % bis 20,6 %. Damit lag sie phasenweise fast doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern, erst ab 2006 war wieder ein Rückgang zu verzeichnen.

In den alten Bundesländern belief sich die Zahl der Arbeitslosen 1991 bei 1,6 Mio., was einer Quote von 6,2 % entspricht. In der Folge stieg die Zahl der Arbeitslosen auch in Westdeutschland, was dazu führte, dass in der bundesweiten Entwicklung seit 1994 zweistellige Arbeitslosenquoten erreicht wurden, die erst im Jahr 2008 wieder unterschritten wurden. 1997 überschritt die Zahl der Arbeitslosen im gesamten Bundesgebiet erstmals die 4 Mio. Grenze, was einer relativen Arbeitslosigkeit von 12,7 % entspricht (West 10,8 %, Ost 19,1 %).

Im Berichtsmonat Dezember 2009 waren in Deutschland 3 275 526 Menschen arbeitslos gemeldet, was einer Arbeitslosenquote von 8,7 % entspricht. Maßgeblich verantwortlich für den Anstieg der Arbeitslosigkeit von 0,4 % im Jahresdurchschnitt im Vergleich zum Vorjahr war der scharfe Produktionseinbruch in der deutschen Wirtschaft in der Folge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Angesichts der konjunkturellen Rahmendaten kann diese Entwicklung noch als erstaunlich günstig bezeichnet werden (vgl. BA 2009b).

Die Arbeitslosenquote sagt im Grunde nur aus, welches Arbeitsüberangebot momentan zu den gegebenen Arbeitsmarktbedingungen herrscht. Sie erlaubt keine Aussagen darüber, wie oft oder wie lange die Betroffenen arbeitslos sind oder welche Risikogruppen existieren. Hierfür sind weitere Parameter von Interesse. Die reine Erfassung von Bestandszahlen suggeriert in diesem Zusammenhang eine gewisse Bewegungslosigkeit. über Jahre konstanten Arbeitslosenzahlen können aber auch starke Umschlagsprozesse zugrunde liegen, wenn viele Individuen in Arbeitslosigkeit ein-, aber auch viele wieder austreten. Auf der anderen Seite gibt es auch Verfestigungstendenzen, die weitaus problematischer sind und sich in individueller Langzeitarbeitslosigkeit ausdrücken.

„An average unemployment rate of 10 percent in a year can either mean that 10 percent of the labor force were unemployed for the whole of the year or that each individual in the labor has been unemployed for 10 percent of the year." (Elliott 1991, S. 476)

Auch in Deutschland ist Arbeitslosigkeit kein fester Block, sondern von Ein- und Austrittsmobilität geprägt. Die wirtschaftliche Krise hat in Deutschland in erster Linie die Zugänge in Arbeitslosigkeit aus Erwerbstätigkeit steigen lassen. So gab es im Jahresverlauf 2009 3,21 Mio. Zugänge von abhängigen Beschäftigten aus dem ersten Arbeitsmarkt (v.a. aus dem verarbeitenden Gewerbe), das waren 13 Prozent mehr als im Vorjahr (Monatsbericht Dezember und Jahr 2009, BA 2009b).

Als letzter Punkt in diesem Abschnitt bleibt noch zu erwähnen, dass Arbeitslosigkeit nicht alle Gruppen der Bevölkerung in gleichem Maße betrifft. Unterscheidet man nach bestimmten sozialstrukturellen Merkmalen, so ergeben sich mitunter sehr unterschiedliche Arbeitslosenquoten für Frauen bzw. Männer, Ausländer, ältere Personen oder bezüglich des Qualifikationsniveaus. Auf eine detaillierte Darstellung wird an dieser Stelle verzichtet, doch es sei noch darauf hingewiesen, dass

„offizielle Zahlen nur grobe Indikatoren [sind], die eine Vielfalt von Erfahrungen zusammenfassen, die je nach individuellen Lebensumständen [...], Qualifikation und vor allem Dauer der Erwerbslosigkeit voneinander abweichen." (Jahoda 1983, S. 31)

Arbeitsmarkt und verfestigte Arbeitslosigkeit

Wie im vorrangegangenen Kapitel bereits angedeutet wurde, werfen die sich nur relativ langsam verändernden Jahreszahlen ein sehr statisches Bild auf das Phänomen Arbeitslosigkeit. Hierbei werden oft Dynamiken unterschätzt, denen der Arbeitsmarkt unterliegt. Im Jahresverlauf 2009 meldeten sich 9,25 Mio. Menschen arbeitslos, während gleichzeitig 9,02 Mio. Personen ihre Arbeitslosigkeit beendeten (Monatsbericht Dezember und Jahr 2009, BA 2009b) - wobei der Grund hierfür nicht zwangsläufig in einer Arbeitsaufnahme liegen muss. In den üblichen Statistiken zur Arbeitslosigkeit werden in erster Linie die Differenzen dieser Zahlen widergespiegelt. Die unterschiedlichen Verläufe von Arbeitslosigkeit und die Dauer der Arbeitslosigkeit werden in diesem Zusammenhang nur unzureichend abgebildet. So war von den Personen, die im Jahr 2007 ihre Arbeitslosigkeit beendeten, der größte Teil nur von kurzen Phasen der Arbeitslosigkeit betroffen. Lediglich 22,8 % der Abgänge waren langzeitarbeitslos, während 41,8 % weniger als drei Monate arbeitslos waren. Es ist folglich davon auszugehen, dass sich mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit die Chancen auf Wiederbeschäftigung reduzieren. „Wer erst einmal 12 Monate und länger erwerbslos ist, der bleibt es zumeist auch." (Mohr 2001, S. 123)

Vor diesem Hintergrund stellt Langzeitarbeitslosigkeit ein besonderes Problem dar. Dies wird noch deutlicher, wenn man die Einmündungsquote in den ersten Arbeitsmarkt betrachtet. 2009 fanden nur 1,5 % aller Langzeitarbeitslosen zurück in den ersten Arbeitsmarkt, der Rest der Abgänge von insgesamt 7,8 % am Bestand aller Langzeitarbeitslosen beendete die Arbeitslosigkeit durch eine Beschäftigung im zweiten Arbeitsmarkt, die Teilnahme an anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen oder den Abgang in Nichterwerbstätigkeit (Berechnungen des IAB 2009). Aber selbst von den Betroffenen, die den Wiedereinstieg in Beschäftigung schaffen, werden laut einer Studie (Kern 1990), fast drei Viertel nach spätestens vier Jahren erneut arbeitslos, die meisten sogar innerhalb des ersten Jahres (vgl. Mohr 2001, S. 123). Von einer nachhaltigen Reintegration in den Arbeitsmarkt kann folglich keine Rede sein.

Grundsätzlich stehen Dynamiken auf dem Arbeitsmarkt, die sich durch zunehmende Diskontinuität von Beschäftigungsverhältnissen und den kurzfristigen Ereignischarakter von Arbeitslosigkeit kennzeichnen lassen, Verfestigungstendenzen gegenüber, deren Ausdruck der dauerhafte Ausschluss von Langzeitarbeitslosen ist. Jedoch mehren sich die Anzeichen, dass Arbeitslosigkeit für einen wachsenden Personenkreis nicht mehr nur erwerbsbiographische Episode, sondern zunehmend ein dauerhafter Zustand wird. In diesem Sinne ist Arbeitslosigkeit kein periodisches, konjunkturelles Problem mehr, vielmehr hat, wie Berthold Vogel konstatiert, „die Integrationskraft des industriellen Erwerbsarbeitssystems spürbar nachgelassen" (Vogel 2001, S. 151). Auch wenn andauernde Arbeitslosigkeit durch kurze Phasen der (in der Regel prekären) Erwerbstätigkeit unterbrochen ist, kann dies als ähnlich belastend erlebt werden, wie „reguläre" Langzeitarbeitslosigkeit. In diesem Fall kann man von „perforierter Langzeitarbeitslosigkeit" sprechen (Mehlich 2005, S. 102).

Insbesondere andauernde Arbeitslosigkeit hat einen schädlichen Effekt auf die psychische und physische Gesundheit und zwar besonders in Verbindung mit finanziellen und anderen sozialen Belastungen. ökonomisch sind Langzeitarbeitslose in der Regel in einer noch problematischeren Situation als kurzfristig arbeitslose, da sie nur noch Leistungen entsprechend der Grundsicherung nach dem SGB III („Hartz 4") beziehen und desweiteren eventuelle Ersparnisse bereits zum vorübergehenden Erhalt des Lebensstandards aufbringen mussten.

Der produktions- und informationstechnologische Wandel sowie die Professionalisierung der Arbeitswelt erforderten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend neue Qualifikationen, die viele Menschen nicht aufweisen. Zudem ließ und lässt nach wie vor, der Niedergang von bestimmten industriellen Tätigkeitstypen, v.a. einfache manuelle Tätigkeiten ohne Qualifikationsanforderungen, das Arbeitsangebot für un- oder angelernte Tätigkeiten empfindlich schrumpfen. Diese Entwicklungen erzeugen einen Ausgrenzungsdruck und Verdrängungsprozesse für Erwerbspersonen, die keine berufliche Qualifikation besitzen oder als Fachkräfte in absteigenden Branchen der Industrie und des Handwerks tätig waren. Für diese Teile der Erwerbsbevölkerung verschärft sich das Risiko, den Anschluss auf dem Arbeitsmarkt zu verlieren. Als verschärfende Faktoren des Ausgrenzungsrisikos kommen außerdem das Alter, die gesundheitliche Disposition sowie die regionale Arbeitsmarktlage hinzu (Vogel 2001, S. 154). Bleibt der Zugang zu Erwerbsarbeit und ihren materiellen, sozialen und kulturellen Gratifikationen dauerhaft versperrt, so wirft dies die Frage auf, ob für Betroffene durch die Ausgrenzung am Arbeitsmarkt letztendlich auch eine soziale Ausgrenzung droht. Bevor diese Frage näher betrachtet wird, soll im folgenden Kapitel zunächst ein überblick über das Ausmaß der Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland sowie besonders betroffene Bevölkerungsgruppen gegeben werden.

Ausmaß, Struktur und Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit

Gemäß 18 SGB III gelten Personen, die ein Jahr oder länger arbeitslos gemeldet sind, formal als langzeitarbeitslos (BA 2008). Die BA folgt hier der Definition der OECD, wonach „[...] unter Langzeitarbeitslosen Erwerbspersonen zu verstehen [sind], die seit mindestens zwölf Monaten ununterbrochen arbeitslos sind." (OECD 1987, S. 279, zitiert nach Karr 2002, S. 107). Diese recht einfache Definition liegt so gut wie allen nationalen oder internationalen Statistiken zum Arbeitsmarkt zugrunde. Im Berichtsmonat Dezember 2009 sind laut offizieller Statistik von 2 995 604 Arbeitslosen aus dem IT-Verfahren der BA 914 737 als langzeitarbeitslos ausgewiesen, was in etwa jeder dritten Person entsprechen würde, bzw. einem Anteil von 30,5 % an allen Arbeitslosen (Statistik der BA, Datenstand Dezember 2009).

Probleme hinsichtlich einer möglichst realistischen Einschätzung der Langzeitarbeitslosigkeit ergeben sich bei der Erfassung durch die BA v.a. durch Unterbrechungen während der Arbeitslosigkeit, die aber nicht gleichbedeutend mit einer nachhaltigen Beschäftigung sind. Wird die Arbeitslosigkeit durch kurzfristige Beschäftigungen, Teilnahmen an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen oder Krankheit für länger als sechs Wochen unterbrochen, beginnt die Zählung der Dauer wieder von vorn und die Person fällt aus der Langzeitarbeitslosenstatistik heraus. In der Summe führt dies wahrscheinlich zu einer systematischen Unterschätzung des tatsächlichen Ausmaßes der Langzeitarbeitslosigkeit und einer Verschleierung der perforierten Langzeitarbeitslosigkeit.[3]

Obwohl das Phänomen der Arbeitslosigkeit so alt ist wie die Industriegesellschaft selbst, so stellt die Langzeitarbeitslosigkeit doch eine Besonderheit der letzten 25 Jahre dar. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein dauerten in den westlichen Industrieländern auch in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und hoher Arbeitslosenquoten, individuelle Arbeitslosigkeitsperioden meist nur wenige Monate an. Seit den 1980er Jahren wurde die Krise des Beschäftigungssystems allerdings offensichtlich. Neben dem zahlenmäßig hohen Niveau der Arbeitslosigkeit gab es zunehmend strukturelle und verfestigte Formen von Arbeitslosigkeit. Die Perioden der Arbeitslosigkeit wurden für viele länger und die Wiedereinmündungsquote verringerte sich (vgl. Mehlich 2005, S. 99). Somit stand einem kleiner werdenden Segment an friktionellen Arbeitslosen ein zunehmendes Segment mit Verfestigungstendenzen gegenüber, oder in anderen Worten: „die Arbeitslosigkeit spaltet sich" in einen kleiner werdenden Teil, der kurzfristig wieder in Erwerbsarbeit zurückkehrte und einen wachsenden Teil, der dauerhaft ins Abseits am Arbeitsmarkt geriet (vgl. Vogel 2004, S. 11). Der permanente Verbleib in der Arbeitslosigkeit stellte seitdem bei weitem keine Ausnahme mehr dar. Als Folge dieser Spaltung begann sich in Deutschland eine neue soziale Schicht der „Dauerarbeitslosen" herauszubilden (vgl. Kronauer & Vogel 1993, S. 7 f.). Diese Schicht der erwerbsfähigen Bevölkerung hatte zunehmend Schwierigkeiten, sich dauerhaft Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen, dies betraf v.a. ältere, Personen ohne berufliche Qualifikation oder mit gesundheitlichen Einschränkungen. Durch die individuell längeren Arbeitslosigkeitsperioden wuchs auch die durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit. Diese liegt aktuell bei 33,4 Wochen. Im Rechtskreis SGB II, wo der Anteil an Langzeitarbeitslosen besonders hoch ist, liegt er mit 49,1 Wochen noch einmal deutlich über dem im Rechtskreis SGB III mit durchschnittlich 18,1 Wochen. Die extreme, länger als 24 Monate andauernde, Arbeitslosigkeit betraf im Dezember 2009 in etwa die Hälfte aller Langzeitarbeitslosen (Monatsbericht Dezember und Jahr 2009, BA). Der Anteil der Personen, die seit 12 Monaten und länger arbeitslos sind, stieg seit 1975 von 7 % (vgl. Mehlich 2005, S. 100) auf 33 % im Jahr 1994 und machte bis 2008 durchgehend zwischen 31 und 42 % aller Arbeitslosen aus (vgl. Abbildung 3).

Im Jahr 2009 hat die Langzeitarbeitslosigkeit, trotz der wirtschaftlichen Krise, wieder deutlich abgenommen. So gab es im Jahresdurchschnitt 2009 933 000 Langzeitarbeitslose, was einem Rückgang von 148.000 oder 14 % im Vergleich zu Vorjahr darstellt. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen ging ebenfalls von 36,3 auf 29,7 % zurück. Die Ursache hierfür ist in erster Linie darin begründet, dass am Beginn des konjunkturellen Abschwungs viele neue Arbeitslose mit zunächst kurzen Verweilzeiten in den Arbeitslosenbestand übergehen. Die Abgangsrate von Personen aus der Langzeitarbeitslosigkeit hat sich dagegen zum Vorjahr kaum geändert (von 11,9 auf 12 %). Die Abnahme beruht weiterhin zu einem Großteil auf einem Abgang der Langzeitarbeitslosen in Nichterwerbstätigkeit und Arbeitsunfähigkeit, nur etwa ein Viertel stellt Abgänge in neue Beschäftigung dar, während ein weiteres Viertel mit einer Ausbildung oder einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme begann (Monatsbericht Dezember und Jahr 2009, BA). Regional gesehen erreichen die Bundesländer Bremen mit 38,4 % und NRW mit 36,5 % die höchsten Anteile Langzeitarbeitsloser am Gesamtbestand. Erst dann folgen die neuen Bundesländer Sachsen-Anhalt mit 34,3 %, Sachsen mit 34,0 % und Brandenburg mit 33,1 % (Statistik der BA, Arbeitslose nach Rechtskreisen, Datenstand Dezember 2009). Dies mag überraschen, da v.a. in vielen Teilen Ostdeutschlands Langzeitarbeitslosigkeit ein gravierendes Strukturproblem des Erwerbssystems darstellt (Vogel 2001, S. 153). Doch nach wie vor ist der Gesamtschnitt in den neuen Bundesländern an Langzeitarbeitslosen höher als der im früheren Bundesgebiet (Ost 32,3 %, West 29,7 % im Dezember 2009).

Was die Struktur der von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Gruppen anbelangt, gelten als klassische Prädiktoren eine fehlende Berufsausbildung, gesundheitliche Einschränkungen und ein Lebensalter von über 45 Jahren (vgl. Kuhnert & Kastner 2001, S. 274; Mohr 2001, S. 113). Aktuell zeichnet sich am deutlichsten das Alter als Problemgruppenkriterium ab. 2008 waren unter den Langzeitarbeitslosen 34,9 % älter als 50 Jahre, unter den Kurzfristbetroffenen unter 12 Monaten Arbeitslosigkeit machten sie nur einen Anteil von 20,8 % aus. Der Anteil an Geringqualifizierten ist dagegen mit 29,3 % bei Langzeitarbeitslosen und 27 % bei kurzzeitig Arbeitslosen, nur unwesentlich höher. Langzeitarbeitslose mit gesundheitlichen Einschränkungen wiesen dagegen mit 23,2 % wiederum einen um 6,9 Prozentpunkte höheren Wert auf (Berechnungen des IAB anhand von Daten der BA). Weiterhin muss der Einfluss der regionalen Arbeitsmarktlage berücksichtigt werden, der zu starken räumlichen Unterschieden im Verbleibsrisiko führen kann.

Marienthal und die Erkenntnisse der klassischen Arbeitslosenforschung

Jede Beschäftigung mit dem Thema der psychosozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit findet ihren Ausgangspunkt in den klassischen Arbeiten der 1930er Jahre. In dieser ersten Phase der sozialwissenschaftlichen Arbeitslosenforschung[4] wurden erstmals systematisch neben ökonomischen und gesundheitlichen Aspekten auch psychosoziale Belastungen der Arbeitslosigkeit in den Blick genommen. Im Rahmen der Entstehung dieser „modernen" Arbeitslosenforschung wurden insbesondere Typologien von Bewältigungsmustern und Verlaufsmodelle der psychosozialen Belastung konzipiert, die die sozialwissenschaftliche Arbeitslosenforschung für einige Jahrzehnte prägen sollten.

Einen besonderen Stellenwert nimmt in diesem Zusammenhang ohne Zweifel die Marienthal Studie (Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1933/1960/1975) ein. Diese bis heute populäre und vielzitierte Untersuchung wurde zu Beginn der 1930er Jahre zur Zeit der Weltwirtschaftkrise in Marienthal, einem Fabrikdorf in der Nähe von Wien, durchgeführt. Charakteristisch für den Ort der Studie war der Umstand, dass durch den Konkurs des einzigen ansässigen Industriebetriebes der Großteil der Bewohner und ihrer Angehörigen arbeitslos geworden war. Der Untersuchungsgegenstand war folglich nicht allein das arbeitslose Individuum, sondern das „arbeitslose Dorf" in seiner Gesamtheit. Der Gründungsmythos der Studie in Bezug auf die Etablierung der empirischen Arbeitslosenforschung lässt sich bei genauerer Betrachtung allerdings nicht aufrechterhalten, denn in anderen Ländern wurden zeitgleich vergleichbare Studien publiziert (Bakke 1933, Bloodworth 1933). Erste Interpretationen der psychosozialen Folgen von Arbeitslosigkeit (Rowntree 1911/1922), die als Prozesse des „psychischen Hinabgleitens" und der Demoralisierung beschrieben wurden, gab es ohnehin schon weitaus früher (vgl. Wacker 2001, S. 400). Dies ändert jedoch nichts am Einfluss und der prominenten Stellung dieses Klassikers als erste moderne empirische Untersuchung der psychosozialen Wirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit im deutschsprachigen Raum.

Das Hauptanliegen der Studie lag in der Beschreibung der Reaktions- und Verhaltensmuster der betroffenen arbeitslosen Familien, aus denen verschiedene Phasen und Typen der Verarbeitung abgeleitet wurden. Weiterhin ging es darum, die Wirkungen von anhaltender Arbeitslosigkeit auf den physischen Zustand, die individuelle Zeitbewertung sowie Anomietendenzen in der Bevölkerung darzustellen. Die wichtigsten Erkenntnisse sollen nachfolgend kurz erläutert werden.

Als eine zentrale Erkenntnis der Untersuchung kann das Phänomen betrachtet werden, welches im Bericht der Forschungsgruppe als die „müde Gemeinschaft" bezeichnet wurde. Diese beschreibt den Umstand, dass das öffentliche Leben im Ort nahezu zum erliegen kam, und die ehemals in vielen Vereinen und Aktivitäten eingebundenen Bewohner sozial und politisch zunehmend inaktiv wurden.

„Hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten, als bisher für die Existenz als notwendig angesehen worden ist." (Jahoda, Lazarsfeld, Zeisel 1975, S. 55)

Die Reaktion auf die belastende Situation war laut der Untersuchung also nicht der Wille zur Veränderung und Tendenzen zur Revolte, sondern eher resignative Anpassung bis hin zur Apathie.

Ein ebenfalls zentrales Kapitel des Berichts über „die Haltung", das im späteren Diskurs über die psychosozialen Folgen von Arbeitslosigkeit besondere Aufmerksamkeit erfahren hat, fasst die typischen Eindrücke des Forscherteams über den Umgang der Betroffenen mit der Arbeitslosigkeit zusammen. Hierbei typisierten die Forscher vier grundlegende „Haltungstypen": die „Ungebrochenen" denen es gelang eine planvolle Existenz beizubehalten, sich eine gewisse Sorgfalt der Haushaltsführung und eine Atmosphäre der Zufriedenheit und Hoffnung zu erhalten; die „Resignierten", die zwar ihre Ansprüche bereits reduziert hatten und durch eine erwartungslose Grundhaltung charakterisiert waren, deren Haushalt aber noch geordnet, und deren Kinder nicht vernachlässigt wurden; die „Verzweifelten", deren äußere Lebensführung sich noch nicht sonderlich unterscheidet, aber deren subjektives Erleben geprägt war von Verzweiflung, Depression und Hoffnungslosigkeit sowie von Gefühlen der Vergeblichkeit der Bemühungen und der Aufgabe der Versuche zur Verbesserung der Situation; die „Apathischen", bei denen die Aufgabe des geordneten Haushalts, Verfallserscheinungen in den Familien, Streit, und völlige Planlosigkeit konstatiert wurden.

Bezüglich der Wahrnehmung von Zeit wird über einen Zerfall der Zeitstrukturen der Betroffenen berichtet, die „losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, [...] die moralischen und materiellen Möglichkeiten eingebüßt [haben], die Zeit zu verwenden." (ebd. S. 83) So erweist sich die durch Freisetzung von der Arbeit gewonnene Freizeit als „tragisches Geschenk". Die Forscher weisen hier auf die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung hin, durch die Frauen infolge der Aufgaben im Haushalt in einen „festen Sinnzusammenhang, mit vielen Orientierungspunkten, Funktionen und Verpflichtung zur Regelmäßigkeit" (ebd. S. 89) eingebunden sind. Der Tagesablauf der Männer besäße dagegen bis auf Essens- und Schlafenszeiten keine fixen Orientierungspunkte mehr. Für sie sei die häufigste Form der Zeitverwendung das „Nichtstun". Auch auf der Makroebene konstatieren die Sozialwissenschaftler Veränderungen in der Wahrnehmung übergeordneter Zeitrhythmen, so würden Sonn- und Feiertage allgemein an Bedeutung verlieren. In der Summe seien die Marienthaler „zu einem primitiveren, undifferenzierteren Zeiterlebnis zurückgekehrt." (ebd. S. 92)

Da der Beobachtungszeitraum begrenzt war, sahen sich die Forscher mit dem Problem konfrontiert Fragen zum zeitlichen Verlauf der psychosozialen Veränderungen nicht hinreichend beantworten zu können. So war unklar, ob die entsprechen Haltungstypen eher grundlegenden, etwa in der Biographie verankerten Typen, oder aber Verlaufstypen parallel zur Dauer und Verschlechterung der Situation entsprachen. Der Versuch einer dynamischen Deutung hinsichtlich der Haltungstypen kam letztendlich zu dem Schluss,

„daß hier vermutlich nur verschiedene Stadien eines psychischen Abgleitens vorliegen, das der Reduktion der Zuschüsse und der Abnutzung des Inventars parallel geht. Am Ende dieser Reihe stehen Verzweiflung und Verfall." (ebd. S. 102)

Diese fortschreitende „Schrumpfung der psychologischen Umwelt" im Sinne eines stufenweisen Abbaus von Lebenserwartungen, Interessen, Aktivitäten und Zielen in Folge andauender Arbeitslosigkeit systematisierten Lazarsfeld und Eisenberg wenig später in einem Phasenmodell, welches bis in die 1970er Jahre hinein breite Akzeptanz und Verbreitung fand (vgl. Pelzmann 1988, S. 10). Das Phasenmodell der 1930er Jahre basierte auf der Annahme eines weitgehend uniformen Reaktionszyklus der Betroffenen und einer festen Abfolge der Auswirkungen im zeitlichen Verlauf der Arbeitslosigkeit „vom Schock zum Fatalismus". Demnach folgt auf den unmittelbaren Schock über den Verlust des Arbeitsplatzes eine vorübergehend als positiv erlebte Erholungsphase. Erst die Erfolglosigkeit der Anstrengungen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, mündet dann in einen Zustand der Erschöpfung, in dessen Folge Resignation, Angst und Spannungen im sozialen Umfeld zunehmen. Im letzten Stadium dominieren Gefühle der Hoffnungslosigkeit und das Bewusstsein des eigenen Versagens, zudem verstärken sich finanzielle Probleme. Infolge dieser Entwicklungen kommt es zu Einschränkung des gesellschaftlichen Lebens und der eigenen Ansprüche, zu einer Anpassung an die vermeintlich aussichtlose Situation, was letztendlich zu Isolation und sozialen Ausgrenzung der Betroffenen führt. Die dem Phasenmodell zugrunde liegende Vorstellung von Arbeitslosigkeit als objektiv fassbare lebensverändernde Episode, die durch eine quasi naturgesetzmäßige Wirkung bei allen Betroffenen einen Prozess der Persönlichkeitszerstörung und Verelendung einleitet, gilt heute als veraltet und wiederlegt. So wurde im Zuge der differentiellen Arbeitslosenforschung seit den 1980er Jahren die Vielfalt der Bewältigungsformen von Arbeitslosigkeit heraus gestellt, und verstärkt die spezifischen Lebensumstände in den Blick genommen, die durch die biographische Perspektive sowie die sozialen und persönlichen Ressourcen der Betroffenen geprägt sind. Dem Facettenreichtum des Phänomens Arbeitslosigkeit und der Vielfalt der individuellen Folgen und Verarbeitungsweisen sollte durch die Berücksichtigung dieser moderierenden Faktoren fortan besser Rechnung getragen werden.

„The question [...] is not simply whether unemployment has adverse effects, but by which mechanisms, in which subgroups, and by which variables it is moderated." (Dooley & Catalano 1988, S. 2)

Es lässt sich zusammenfassend festhalten, dass sich bereits in den klassischen Arbeiten der 1930er Jahre deutliche Hinweise auf eine psychische und soziale „Verarmung" von Langzeitarbeitslosen finden lassen. Diese Verarmung wurde als Prozess einer zunehmenden psychosozialen Deprivation begriffen, an dessen Ende meist Resignation, Apathie und soziale Isolation standen. Auch wenn die Vorstellung einer uniformen Wirkung dieses Prozesses auf Betroffenen nicht mehr angebracht ist, so muss dies nicht gleichermaßen ausschließen, „dass im mittleren Trend der Effekte die klassische Belastungsperspektive ihre Berechtigung behält." (Wacker 2001, S. 411)

Für die vorliegende Untersuchung stellt die Marienthal Studie insofern einen Grundlagen- und Orientierungsrahmen dar, als hier die Vielfalt der Verarbeitungsformen in der Arbeitslosigkeit und die Thematisierung von psychosozialen Folgen, neben den materiellen, erstmals systematisch eruiert wurden. Ein Versuch der übertragung der Erkenntnisse auf die aktuelle Situation muss zwangsläufig dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen. Schließlich haben sich die Lebensumstände seit den 1930er Jahren grundlegend verändert. Wir verfügen heute über ein höheres Bildungsniveau, einen höheren Lebensstandard und andere institutionelle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Arbeitslosigkeit bedeutete damals vor allem existentielle materielle Not, da die Arbeitslosenunterstützung sehr niedrig und zudem zeitlich begrenzt war. Die Erhaltung der physischen Existenz war demzufolge das Hauptproblem der Betroffenen. Diese Form der Existenznot wurde mittlerweile durch die sozialen Sicherungssysteme des „Wohlfahrtsstaates" weitgehend überwunden. Es lässt sich allerdings nicht per se davon ausgehen, dass ein höheres Bildungsniveau, ein höherer Lebensstandard und das Bewusstsein einer möglicherweise dauerhaften sozialstaatlichen Sicherung des Existenzminimums einen besseren Schutz gegen einen krisenhaften Verlauf im Prozess einer andauernden Arbeitslosigkeit bieten.

So sind die Erkenntnisse der klassischen Arbeitslosenforschung durchaus noch aktuell, denn die Institution der Erwerbsarbeit erfüllt heute neben der Existenzsicherung ein breites Spektrum an weiteren psychosozialen Funktionen. Die Frage ist, ob das Fehlen von Erwerbsarbeit auch heute unter den grundlegend veränderten Bedingungen als einschneidendes Krisenereignis und persönliche Belastung angesehen werden kann. Im folgenden Kapitel wird daher zunächst die Funktion und Bedeutung der Erwerbsarbeit in der modernen „Arbeitsgesellschaft" behandelt.

Die Bedeutung der Erwerbsarbeit

Erwerbsarbeit besitzt einen zentralen Stellenwert im Leben des modernen Menschen. Dies scheint in Anbetracht der Lebenszeit, die Menschen im Rahmen dieses Systems investieren, offensichtlich. Doch welche Funktionen verhelfen der Institution der Erwerbsarbeit zu ihrer herausragenden Bedeutung im gesellschaftlichen und individuellen Kontext? Zweifellos erfüllt Erwerbsarbeit heute nach wie vor ihre historische Grundaufgabe - sie sichert den Lebensunterhalt bzw. lässt Menschen in modernen Gesellschaften idealtypischerweise am materiellen Wohlstand teilhaben. In einer „Arbeitsgesellschaft" geht die Funktion von Erwerbsarbeit doch weit über den Aspekt der materiellen Existenzsicherung hinaus. Sie liefert den Menschen ebenso biographische Orientierungsmuster und trägt in besonderem Maße zur Daseinserfüllung und Identitätsbildung bei. Nachfolgend soll kurz auf den Bedeutungsgewinn der Erwerbsarbeit in der modernen Gesellschaft eingegangen werden. Anschließend soll auf einer übergeordneten Ebene die Funktion der Erwerbsarbeit als lebensbegleitendes biographisches Strukturierungs- und Orientierungsprinzip dargestellt werden. Abgeschlossen wird das Kapitel mit der Betrachtung auf einer untergeordneten Ebene, auf der die konkreten alltäglichen Gratifikationsfunktionen von Erwerbsarbeit kenntlich gemacht werden sollen.

Der Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft

Erwerbsarbeit unterlag im historischen Verlauf einem stetigen Bedeutungswandel und hatte demzufolge nicht seit jeher den heutigen Stellenwert. So ist die Wertschätzung und Vorstellung der Erwerbsarbeit als zentrales Element der persönlichen Lebensgeschichte eine relativ neue Lesart und folgte erst auf eine lange Phase der Geringschätzung. So war Arbeit bis in die frühe Neuzeit hinein überwiegend besetzt mit negativen Konnotationen von Zwang, Mühsal und Last (vgl. Laube 2008, S. 10f.). Erst mit der Ausbreitung des Protestantismus setzte eine Entwicklung ein, die eine „rastlose Berufsarbeit" zum Sinn des menschlichen Lebens schlechthin postulierte. Diese enorme Werterhöhung hat ihren Ursprung in der protestantischen Ethik, die die menschliche Arbeit als sinnstiftende Grundlage der individuellen Identität etablierte, und den Grundstein ihrer heutigen zentralen Bedeutung für den sozialen Status und die Lebensentwürfe der Menschen legte. Die Theorie von der Metamorphose des Arbeitsverständnisses, vom rein zweckmäßigen Erwerb von Mitteln zur Befriedigung von Grundbedürfnissen, hin zum zentralen Lebensinhalt wurde v.a. von Max Weber in seinen Ausführungen zur Protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus (Weber 1920/1934) begründet. Der ursprünglich negativ besetzte Arbeitsbegriff wurde nun also zunehmend positiv interpretiert. Der Bedeutungswandel der Erwerbsarbeit setzte sich dann im Zuge der Industrialisierung und der Herausbildung einer marktwirtschaftlich-kapitalistischen Wirtschaftsordnung weiter fort und führte letztlich zur Entstehung der „Arbeitsgesellschaft". Einer Gesellschaft, die sich dadurch auszeichnet, dass sich die zentralen Sinnstiftungs- und Identifikationsprozesse der Mitglieder maßgeblich über die Institution der Erwerbsarbeit vollziehen, und die Positionierung im Statusgefüge sowie das Sozialprestige an der Stellung im Beruf festgemacht werden.

Erwerbsarbeit als Lebensgestaltungsprinzip

Seitdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Siegeszug der Industrialisierung und der kapitalistischen Wirtschaftsform begann, wurde die Institution der Erwerbsarbeit zunehmend zur Schlüsselkategorie von gesellschaftlicher Integration. Durch die Freisetzung aus traditionellen Herrschafts- und Versorgungszusammenhängen ergab sich der soziale Status von Personen nicht mehr zwangsläufig durch die Geburt, sondern durch Arbeit. Sozialer Aufstieg war im Gegensatz zur Feudalgesellschaft nun prinzipiell möglich, allerdings musste die Existenzsicherung fortan getrennt vom lebensweltlichen Zusammenhang der familiären Produktions- und Versorgungseinheit des „Ganzen Hauses", im eigenständigen System der Erwerbsarbeit individuell gesichert werden. Die Lebensentwürfe, Zukunftsperspektiven, Selbstbilder und biographischen Muster der Menschen orientierten sich zunehmend am System der Erwerbsarbeit und wurden durch diese maßgeblich beeinflusst (vgl. Mehlich 2005, S. 54). So brachte die Verstetigung und zunehmende Formalisierung von Beschäftigungsformen zu „Normalarbeitsverhältnissen", also dauerhaften, sozial- und tariflich abgesicherten Vollzeitbeschäftigungsverhältnissen, letztendlich relativ stabile Lebenslaufmuster wie die „Normalbiographie" als gesellschaftliche Norm hervor. Die Entwicklung langfristiger Lebensperspektiven durch und aufgrund von Erwerbsarbeit ist für die überwiegende Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder nach wie vor die selbstverständliche Norm. In den 1980er Jahren im Zuge des weitgehenden Verschwindens von traditionellen industriellen Arbeitsplätzen und steigender Massenarbeitslosigkeit begann in Deutschland erstmals eine Diskussion über den Wandel der Arbeitsgesellschaft und „die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht", wie es Hannah Arendt bereits 1958 prophezeite (Arendt 2001, S. 13). Aufgrund dieser Entwicklungen stellte sich die Frage, in wie weit die Institution der Erwerbsarbeit überhaupt noch die Haltungen und Orientierungen der Menschen prägt und wie es um die zukünftige Relevanz der Erwerbsarbeit als sozialstrukturprägende Kraft bestellt sei (vgl. ausführlich Rifkin 1995).

Der Diskurs um das Ende der Arbeitsgesellschaft spitzte sich in der These zu, dass das klassische Normalarbeitsverhältnis durch die Reduzierung der Arbeitskraftnachfrage sowie die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitsformen und -zeiten langfristig ein Auslaufmodell sei. Erwerbsarbeit spielt quantitativ aktuell eine so große Rolle wie nie zuvor. 2008 gab es in Deutschland 40,26 Mio. Erwerbstätige (von 43,39 Mio. Erwerbspersonen) und die Erwerbsquote lag bei 52,8 % (Statistisches Bundesamt 2009). Dies ist u.a. auch auf die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen zurückzuführen (vgl. StBA 2008, S. 109). Allerdings ist im Zeitraum zwischen 1992 und 2008 die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 29,33 Mio. auf 27,46 Mio. zurückgegangen. Auch die Vollzeitbeschäftigung war rückläufig, während sich das Ausmaß der Teilzeitbeschäftigung im gleichen Zeitraum um 37 % erhöht hat. In den letzten Jahren lässt sich ebenfalls eine Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen beobachten.[5] Insgesamt lässt dies den Schluss zu, dass die Erwerbsbeteiligung insgesamt zwar steigt, aber der Anteil von sozialversicherungspflichtiger und Vollzeitbeschäftigung tendenziell rückläufig ist. Allerdings lässt sich aufgrund des langsamen Tempos dieser Entwicklung und der relativen Stabilität von traditionellen Arbeitsverhältnissen gegenüber diesen Strukturveränderungen nicht von einer gravierenden „Erosion" des Normalarbeitsverhältnisses sprechen.

Von einem gesellschaftlichen Wertewandel, der die Bedeutung von Erwerbsarbeit relativiert, kann ebenfalls noch keine Rede sein. Es lässt sich eher feststellen, dass die Beanspruchung durch Erwerbsarbeit und demonstrative Dauererwerbstätigkeit als Statussymbole dienen und das gesellschaftliche Ansehen fördern. Auch Erfolg im Beruf ist als Wertorientierung für einen Großteil der Menschen nach wie vor sehr wichtig. In einer aktuellen repräsentativen Umfrage schätzten 75,9 Prozent der Personen Erfolg im Beruf als wichtig oder sehr wichtig ein (eigene Berechnung anhand von Daten des SOEP 2008). Die herausragende Bedeutung eines sicheren Arbeitsplatzes für alle Alters- und Bildungsschichten stellt der Datenreport 2008 heraus (StBA u.a. 2008, S. 140f.), demnach gibt es kaum Personen die dies als nicht wichtig erachten.

Das klassische Normalarbeitsverhältnis dient also nach wie vor als (erwerbs-)biographischer Ausrichtungspunkt der meisten Menschen. Mehlich konstatiert, dass von einem Verlust der „Bindungs- und Vergesellschaftungskraft der Arbeit" und dem Ende der Schlüsselrolle von Erwerbsarbeit auch in Zeiten von Massen- und Langzeitarbeitslosigkeit noch keine Rede sein kann, denn „solange der Arbeitsmarkt zentral für die Verteilung von materieller und sozialer Teilhabe ist, bedeutet gesellschaftliche Integration einen Zugang zu ihr zu erhalten." (Mehlich 2005, S. 44)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Orientierung an Erwerbsarbeit und das Ziel des Normalarbeitsverhältnisses in der Lebensperspektive der meisten Mitglieder einer Arbeitsgesellschaft maßgeblich sind für die gesellschaftliche Integration, Identitätsbildung und Lebensplanung. „Die Erwerbsarbeit ist für Männer wie Frauen, für Alt und Jung die zentrale gesellschaftliche Anerkennungs- und Integrationsmaschine." (Vogel 2004, S. 12)

Erwerbsarbeit als psychosozialer Erfahrungshorizont

Die Struktur der Erwerbsarbeit unterlag in den vergangenen zwei Jahrhunderten stetigen Veränderungen. Dieser Veränderungsprozess dauert auch nach wie vor an, doch unverändert bleibt die Tatsache, dass Erwerbsarbeit für die große Mehrheit der Menschen als materielle Lebensgrundlage und Voraussetzung zur Bestreitung des Lebensunterhaltes diente und dient. Während aber noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Bereitstellung der Existenzsicherung das Hauptcharakteristikum der Erwerbsarbeit war, stellt die wirtschaftliche Teilhabe durch Erwerbsarbeit heute darüber hinaus das nötige Einkommen für andere Dimensionen der gesellschaftlichen Teilhabe zur Verfügung (z.B. der Teilnahme am Güter- und Dienstleistungsmarkt). Im Falle von Arbeitslosigkeit soll das fehlende Einkommen durch Transferzahlungen ersetzt und die Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen erhalten werden. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass die Probleme, die mit Arbeitslosigkeit verbunden sind, sich allein auf ökonomische Aspekte reduzieren lassen. Die Inklusionskraft von Erwerbsarbeit in einer Arbeitsgesellschaft geht weit über die Erzielung von Einkommen hinaus. Sie bietet den Menschen einen bestimmten gemeinsamen Erfahrungshorizont.

Anfang der 1980er Jahre hat Maria Jahoda in mehreren Arbeiten ihr Modell der latenten und manifesten Funktionen der Erwerbsarbeit formuliert (Jahoda 1983, S. 15ff.). Der Ansatz wurde stets kontrovers diskutiert und ist aktuell weit davon entfernt allgemeine Gültigkeit beanspruchen zu können, doch er ist neben den klassischen Phasenmodellen das einzige arbeitslosigkeitsspezifische Konzept zur Erklärung von Arbeitslosigkeitseffekten (vgl. Kieselbach & Beelmann 2006, S. 454) und daher im Kontext der vorliegenden Arbeit von zentraler Bedeutung. Grundsätzlich unterscheidet das Modell die manifeste Funktion von Erwerbsarbeit, welche vorrangig der Güter- und Dienstleistungsproduktion, dem Gelderwerb und der Existenzsicherung - also materiellen Aspekten - entspricht, von der latenten Funktion, welche eher auf den immateriellen Erfahrungshorizont hinweist, den Erwerbsarbeit bereit stellt. Dem Modell zugrunde liegt die Vorstellung, dass bestimmte Alltagserfahrungen für die meisten Menschen tiefgreifende Bedürfnisse darstellen und ihrer Existenz erst Sinn verleihen:

„Sie müssen ihren Tag strukturieren; sie brauchen umfassende soziale Erfahrungen; sie müssen sich an kollektiven Zielen beteiligen [...]; sie müssen wissen , wo sie, verglichen mit anderen , in der Gesellschaft stehen, um ihre persönliche Identität erkennen zu können; und sie brauchen regelmäßige Aktivitäten." (Jahoda 1983, S. 137)

Diese Bedürfnisse finden in der Regel ihre Befriedigung in der Erwerbsarbeit. Sie gibt dem Tag, sowie der gesamten Lebensplanung eine zeitliche Struktur innerhalb derer, im Rahmen von vertraglich vereinbarter, verbindlicher Aktivität berufliche Aufgaben und kollektive Ziele meist in Kooperation mit Anderen verfolgt werden. Erwerbsarbeit erweitert in diesem Sinn die Bandbreite sozialer Erfahrungen und ermöglicht soziale Kontakte außerhalb der Familie und des engeren sozialen Umfeldes. Zudem bietet sie die Möglichkeit zum Erwerb und zur Anwendung von Kenntnissen und Fähigkeiten, was wiederrum Gefühle der Handlungskompetenz und Nützlichkeit erzeugt, die durch soziale Anerkennung der eigenen Leistung und der Zuweisung von Status und Prestige bestätigt werden. Die Ausbildung und Erfahrung einer Berufsrolle sind in einer Arbeitsgesellschaft somit zentral für die Entwicklung und Wahrnehmung der eigenen Identität und des Selbstwertgefühls (vgl. Udris 2005, S. 15). Die dauerhafte Entbehrung (daher „Deprivationsmodell") der Erfahrungen und Gratifikationen, die das System der Erwerbsarbeit bereitstellt, und die ausbleibende Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse führt laut dem Modell bei Arbeitslosen letztendlich zu einer „psychologischen Verarmung" (Jahoda 1983, S. 100). Wie bereits eingangs des Kapitels erwähnt, ist das Deprivationsmodell in der Vergangenheit heftig kritisiert und vor allem im Hinblick auf seine Zeitgemäßheit hinterfragt worden (vgl. Wacker 2000). Einer der Hauptkritikpunkte bezieht sich auf die einseitige Idealisierung der Erwerbsarbeit, die das Leid unter der Erwerbsarbeit im Grunde nicht berücksichtigt und diese per se glorifiziert. Arbeitslosenforschung sollte jedoch stets beide Pole, „das Leiden unter der Erwerbsarbeit wie auch das Leiden unter ihrem Fehlen im Auge haben" (Kronauer u.a. 1993, S. 25). Desweiteren bleibt die Frage der Kausalität von Belastungssymptomen unbeantwortet. Alternativ zu der Annahme einer einseitigen Verursachung von psychosozialen Belastungseffekten durch Deprivationserfahrungen ließe sich auch ein erhöhtes Risiko, arbeitslos zu werden bzw. länger zu bleiben, bei Personen unterstellen, die bereits in ihrer psychischen und physischen Gesundheit beeinträchtigt sind (s. Kapitel 6.1). Die strikte Trennung zwischen Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit scheint in der aktuellen Arbeitsmarktrealität zudem nicht mehr zeitgemäß zu sein. So verschwimmen aufgrund der bereits angedeuteten Veränderungen in der Arbeitswelt die Grenzen, und ein weites Gebiet der Grauzonenbeschäftigung von prekärer, befristeter, Kurz-, Teilzeit- und Leiharbeit eröffnet sich zwischen den beiden klassischen Vorstellungen von Erwerbsarbeit als Normalbeschäftigungsverhältnis und Arbeitslosigkeit als dauerhafte Nicht-Erwerbstätigkeit. In seiner Allgemeinheit und der Unterstellung von quasi uniformen Reaktionsmustern steht das Deprivationsmodell im traditionellen Widerspruch zu den Annahmen der differentiellen Arbeitslosenforschung. Aus der Perspektive der differentiellen Arbeitslosenforschung ließe sich anmerken, dass der Heterogenität und Vielfalt der Erfahrungen und Reaktionen in der Arbeitslosigkeit nicht angemessen Rechnung getragen würde. So ist anzunehmen, dass Arbeitslosigkeit nicht automatisch aufgrund von uniformen Reaktionsmustern eine einheitliche soziale Lebenslage schafft, sondern erst infolge von individuellen Bewältigungsprozessen, basierend auf der Konstellation von belastenden und entlastenden Faktoren und der subjektiven erwerbsbiographischen Zukunftsperspektive, zu differenzierten und differierenden Lebenslagen führt.

Trotz dieser Kritik weist der Ansatz der psychosozialen Deprivation allein aufgrund des Fehlens von Alternativen auf den Stellenwert der Erwerbsarbeit hin. Zwar ist in erster Linie die Schaffung von Gütern und Dienstleistungen unter dem Hauptaspekt des Profits der Zweck der Erwerbsarbeit und nicht die Bereitstellung von psychosozialen Erfahrungen,

„Doch setzt sie diese Erfahrungskategorien als eine unbeabsichtigte, wenn auch zwangsläufige Folge ihrer eigenen Zielsetzung und Organisation bei allen Beteiligten durch." (Jahoda 1983, S. 70, zitiert nach Büssing 1993, S. 7)

Die moderne Erwerbstätigkeit ist vielleicht nicht die einzige Struktur, die die angesprochenen Bedürfnisse befriedigt, noch befriedigt sie diese bei jedem Menschen in gleicher Weise, doch auf nicht absehbare Zeit ist sie jedenfalls die in der Arbeitsgesellschaft vorherrschende und einzige, die damit die materielle Existenzsicherung verbindet. Die Einbindung in soziale Kontexte außerhalb der Erwerbsarbeit kann demnach nicht als vollständiges Substitut zur Befriedigung der beschriebenen latenten sowie manifesten Bedürfnisse dienen, denn dies ist ein exklusives Primat der Erwerbsarbeit:

„ [...] there is no other institution in modern societies which combines a necessary mainfest function with enforcing all of those latent consequences in an obligatory fashion." (Jahoda & Rush 1980, S. 12, zitiert nach Wacker 2000).

Es lässt sich festhalten, dass in der Perspektive eines zugrundegelegten Deprivationsmodells trotz der Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die psychosozialen Bedürfnisse der Menschen prinzipiell die gleichen geblieben sind. Das Fehlen dieser Erfahrungen infolge von Arbeitslosigkeit und die damit verbundene psychosoziale Belastung sind demzufolge durchaus mit der heutigen Situation vergleichbar. Allerdings muss angesichts der differenzierteren Lebensumstände der Betroffenen und ihrer psychischen Disposition von unterschiedlichen Erlebensweisen von Arbeitslosen mit Deprivationen aufgrund des Ausschlusses von Erwerbsarbeit ausgegangen werden.

Langzeitarbeitslosigkeit - Wege, Perspektiven und Prozesse

Nachdem im vorangegangenen Kapitel die Funktionen der Erwerbsarbeit dargestellt wurden, soll im Rahmen des nächsten Kapitels erörtert werden, welche Konsequenzen sich aus ihrem dauerhaften Fehlen ergeben. Wie wirkt sich hier der Wegfall der biographischen Orientierungsfunktion aus, und wie gehen Betroffene mit dieser Situation um? Bevor diese Frage behandelt wird, soll vorab dargestellt werden, wie Personen überhaupt in eine Situation geraten, in der sie langfristig vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Abschließend soll betrachtet werden, inwiefern sich Dauerarbeitslosigkeit zu einer „Lebenslage" verfestigen kann, welchen Ausgrenzungsprozessen Betroffene ausgesetzt sind und welche Handlungsoptionen ihnen zur Verfügung stehen.

Wege in die Langzeitarbeitslosigkeit[6]

Wie bereits verdeutlicht wurde existiert ein breites Spektrum an Erfahrungs- und Verarbeitungsformen von Arbeitslosigkeit, dass stets geprägt ist von der wahrgenommenen Bedrohung der eigenen Erwerbsbiographie, sowie den zur Verfügung stehenden Ressourcen auf sozialer, materieller und psychischer Ebene. So finden sich unter Langzeitarbeitslosen vielfältige Gruppen der Erwerbsbevölkerung mit jeweils unterschiedlicher Herkunft, Biographie und sozialer wie institutioneller Einbindung. Sie verfügen über unterschiedliche Ressourcen und erleben demnach ihre Situation vor dem Hintergrund ganz verschiedener Kontexte. Gemeinsam ist ihnen jedoch die fehlende Perspektive, am Arbeitsmarkt noch nachhaltig, oder überhaupt Anschluss finden zu können. Diese Erfahrung prägt ihre soziale Lage, ihr Selbstbild und ihr Verhältnis zur Gesellschaft (vgl. Vogel 2004, S. 13).

Wie aber geraten Menschen in diese Situation, die die Gefahr birgt, sich zur lebensbestimmenden Soziallage zu verfestigen? Es können sowohl individuelle, familiäre oder persönliche Dispositionen in Form von gesundheitlichen Einschränkungen oder Persönlichkeitsmerkmalen eine Rolle spielen, als auch die zunehmende Diskrepanz zwischen den Anforderungen an Ausbildung und Qualifikation auf dem modernen Arbeitsmarkt und dem eigenem schulischen und beruflichem Lebensweg. Einschneidende Ereignisse (Tod von nahestehenden Personen, Scheidung/Trennung, Unfall, Haft) können ebenso Auslöser am Beginn einer krisenhaften Entwicklung sein, die sich infolge verfestigender Arbeitslosigkeit zu einem Ausgrenzungsverlauf entwickelt (vgl. Mehlich 2005, S. 215 ff.).

Um einen überblick über typische Szenarien von Ausgrenzungsverläufen zu erhalten und um eine Vorstellung davon zu bekommen, welche Personenkreise sich zumeist in den Randlagen der Arbeitsgesellschaft bewegen, sollen hier nachfolgend einige Konstellationen aufgezeigt werden, die Vogel (2001, 2004) auf der Grundlage von qualitativen Befragungen detailliert beschreibt. Die Darstellung folgt eng der von Vogel vorgenommenen Systematisierung von typischen Ausgrenzungsveräufen.

Plötzlicher Ausschluss von Erwerbsarbeit nach stabiler Erwerbsbiographie

Zu Beginn des Ausgrenzungsverlaufs steht hier zunächst die Erfahrung eines radikalen biographischen Bruchs nach stetigem jahrzehntelangem Erwerbsleben. Dieser trifft v.a. Männer in höheren Altersklassen, für die die Erwerbsarbeit stets als Lebensmittelpunkt und Stabilisator fungierte. Ihre soziale Laufbahn war eng mit dem jeweiligen Betrieb verbunden und außerhalb der Arbeitsstelle fehlen meist zentrale Halte- und Orientierungspunkte, wodurch der Verlust der Erwerbsarbeit in besonderem Maße als sozial ausgrenzend erlebt wird (vgl. Vogel 2001 S. 158).

Die Betroffenen sind überwiegend Arbeiter, deren Arbeitsplätze im Zuge von Deindustrialisierung und Strukturwandel verloren gegangen sind, sie sind v.a. in den industriellen Brachlandschaften Ostdeutschlands sowie in westdeutschen Krisenregionen zu finden.

Die Bezugsgruppe dieser Personen sind in der Regel Erwerbstätige, und Kontakte zu anderen Arbeitslosen ergeben sich kaum. Die Vorstellung die eigenen vier Wände zu verlassen und sich in soziale Situationen zu begeben, wird von ihnen als Belastung empfunden, die auch durch die Angst vor Stigmatisierung verstärkt wird (vgl. ebd., S. 157). Dieser Zustand führt bereits kurzfristig zum Schwinden sozialer Kontakte, und einem Alltag, der durch Vereinzelung und Einsamkeit geprägt ist. Fehlen im Extremfall auch noch familiäre oder partnerschaftliche Bindungen können diese Menschen letztendlich in einen Zustand der sozialen Isolation geraten.

Die Aufgabe der Arbeitssuche ist in ihrem Fall das Resultat einer Reihe gescheiterter Bemühungen. Die Betroffenen verfügen in der Regel ausschließlich über brachen- oder betriebsspezifisch Qualifikationen, und ihre bisher ausgeübte Tätigkeiten lagen in stark schrumpfenden Branchen. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind demzufolge schlecht und der Weg zurück ins Erwerbsleben scheint dauerhaft versperrt. Die Erkenntnis über das Ende der persönlichen Erwerbsbiographie führt dann oft zu Resignation und zu einem Prozess des „Sicheinfügens" in die Ausweglosigkeit der Lage. Auch seitens der Arbeits- und Sozialämter wird diese Entwicklung forciert, indem diese Personen meist aufgrund des fortgeschrittenen Alters oder unterstellter Qualifikationsgrenzen als „aussichtlose Fälle" nur noch verwaltet werden, aber keine aktive Zuwendung und Integrationshilfe mehr erhalten (vgl. Vogel 2004., S. 13). Im Laufe dieses Prozesses leidet das Selbstbild der Betroffenen und es kommt zu Gefühlen der Nutzlosigkeit und des überflüssig seins.

Allmähliche Ausgliederung aus Erwerbsarbeit nach Destabilisierung der Erwerbsbiographie

Die Arbeitslosen dieser Gruppe haben einen mehr oder weniger langen „Prozess beruflicher und sozialer Deklassierung" (Vogel 2001, S. 158) erlebt. Nach dem Verlust einer stabilen Beschäftigung folgten immer kürzer werdende Beschäftigungsphasen und ein prekäres Wechselspiel von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit. Im Laufe dieser Phasen wurden immer weitergehende Zugeständnisse an die Arbeitsinhalte, die Beschäftigungsform und die Entlohnung gemacht. Hieraus entwickelte sich eine Abstiegsspirale von beruflicher Dequalifizierung an dessen Ende die dauerhafte Arbeitslosigkeit steht. Die demonstrative Flexibilität und Bereitschaft zu Konzessionen um den Abstiegsprozess zu stoppen bewirkt in diesem Fall einen gegenteiligen Effekt, nämlich die Abdrängung in unsichere Randbereiche der Arbeitsgesellschaft. Der häufige Wechsel zwischen Beschäftigung und Nichtbeschäftigung zerstört neben beruflichen Ambitionen oft auch soziale Bindungen, z.B. durch die Erschwerung von familiären und quartiersbezogenen Kontakten im Zuge von häufigen Wohnortwechseln. „Der beruflichen Deklassierung folgte häufig eine soziale." (vgl. Vogel 2004, S. 14)

Die Betroffenen, meist Facharbeiter oder Angestellte, die durch den Niedergang von Branchen aufgrund des technologischen Wandels, oder aufgrund von familiären oder gesundheitlichen Krisen in diese Situation geraten sind, zählen sich selbst zur sozialen Mitte und erleben die Arbeitslosigkeit als Prozess zunehmender sozialer Ausgrenzung. E sind in der Mehrzahl „allmähliche Absteiger, die im Laufe ihres Arbeitslebens immer stärker in die prekären und unsicheren Randbereichen der Erwerbsarbeitsgesellschaft gedrängt wurden." (vgl. Vogel 2001, S. 160)

Bruch einer jeher instabilen Erwerbsbiographie

Dieser Ausgrenzungsverlauf ist idealtypisch für Menschen, denen nie der Einstieg in längerfristige Beschäftigung geglückt ist, teilweise auch nicht angestrebt wurde. In der Regel haben sie keinen Beruf erlernt und waren mit wiederkehrenden Unterbrechungen als Hilfsarbeiter beschäftigt, befanden sich in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und gingen unterschiedlichen Tätigkeiten außerhalb regulärer Arbeitsmärkte in der informellen ökonomie oder Schwarzarbeit nach. Dieser überwiegend großstädtische Typus des Langzeitarbeitslosen bewegte sich seit jeher in den Grauzonen prekärer und instabiler Beschäftigung, und seine „Erwerbsbiographie war stets eine Gradwanderung am Rande der Arbeitsgesellschaft" (ebd., S. 161), anders formuliert „Sie waren kontinuierlich diskontinuierlich beschäftigt." (Vogel 2004, S. 14)

Die Verfestigung der Arbeitslosigkeit und spezifischen Soziallage zur Langzeitarbeitslosigkeit wird in diesem Fall hervorgerufen durch einen erwerbsbiographischen Bruch der das Wechselspiel zwischen Erwerbstätigkeit und Nichterwerbstätigkeit zwangsweise beendet. Ursächlich hierfür können fortgeschrittenes Alter, gesundheitliche Probleme oder das schrumpfende Angebot an Gelegenheitsjobs sein.

Die Stabilität familiärer Bindungen und das Vorhandensein sozialer Netzwerke spielt für diese Gruppe eine wichtige Rolle. Sie sind insgesamt weniger sozial isoliert als andere Langzeitarbeitslose, da Bindungen erhalten und stabilisiert werden (ebd., S. 15). Wurden zuvor v.a. Information über den Zugang zu Jobs über das soziale Umfeld bezogen, so liefert es nun unabhängig vom sozialen Status Anerkennung und Schutz vor Stigmatisierung und sozialer Isolation. Diesen Langzeitarbeitslosen kommt zugute, dass sie bereits über umfassende Erfahrungen mit prekären biographischen Arrangements verfügen, und Arbeitslosigkeit grundsätzlich für sie keine unvorstellbare Situation darstellt, die sie zur Resignation zwingt.

Versperrter Zugang zu Erwerbsarbeit

Die Betroffenen dieses Ausgrenzungsverlaufs sind v.a. Jugendliche ohne Berufs- oder Schulabschluss, die dem Professionalisierungsdruck des Arbeitsmarktes nicht gewachsen sind. Die überwiegende Mehrheit hat bereits zahlreiche Warteschleifen in öffentlich geförderten Beschäftigungsverhältnissen oder Qualifikationsmaßnahmen ohne Erfolg durchlaufen oder abgebrochen.

Diese jüngeren Arbeitslosen erfahren die stärkste arbeitsmarktpolitische Aufmerksamkeit, dennoch schätzen die meisten ihre Chancen auf eine nachhaltige Etablierung im Erwerbsleben pessimistisch ein, und sehen den Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt als dauerhaft blockiert.

Viele von den betroffenen Jugendlichen leiden unter Gefühlen der Vereinzelung und des sozialen Zurückbleibens, insbesondere gegenüber Altersgenossen, deren materiellen Lebensstandard sie nicht erfüllen können, z.B. in Bezug auf Statussymbole und Freizeitaktivitäten (ebd., S. 15).

Die soziale Lage wird im Gegensatz zu den andern Gruppen Langzeitarbeitsloser allerdings nicht als irreversibel eingeschätzt, denn aufgrund des Alters scheint die zukünftige Integration prinzipiell noch möglich (vgl. Vogel 2001, S. 163).

Langzeitarbeitslosigkeit als biographische Perspektivlosigkeit

Wie in Kapitel 4.2 dargestellt wurde, besitzt Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft eine wichtige biographische Orientierungsfunktion. Welche Konsequenzen ergeben sich nun für Personen denen aufgrund von verfestigter Arbeitslosigkeit zunehmend dieser Orientierungspunkt verloren geht? Es ist davon auszugehen, dass - sollten keine Alternativen verfügbar sein - am Ziel der Rückkehr in die Normalität des Erwerbslebens zunächst unabhängig von der jeweiligen Lebenslage festgehalten wird (vgl. Mehlich 2005, S. 230). So steht die Orientierung an der gesellschaftlichen Normalität der Erwerbsarbeit trotz des Wiederspruchs zur aktuellen Lebenssituation nach wie vor im Mittelpunkt der Lebensgestaltung. Schließlich ist die Rückkehr in das Erwerbsleben für die Betroffenen die einzige Möglichkeit sich materielle, soziale und kulturelle Teilhabe als gesellschaftliche Integrationsdimensionen selbst zu schaffen und der institutionellen Abhängigkeit zu entgehen.

Das Festhalten an nicht mehr erreichbaren Vorstellungen, geprägt durch das frühere Berufsleben und traditionellen Vorstellungen von Erwerbsarbeit als dauerhaftes Normalarbeitsverhältnis entspricht meist allerdings nicht mehr den neuen Unsicherheiten in der modernen Arbeitswelt. So geraten Betroffene mehr und mehr in eine Situation in der angesichts der Aussichtslosigkeit der Chancen auf dem Arbeitsmarkt die Diskrepanz zwischen ihrer Lage und der gesellschaftlichen Normalität offensichtlich wird (ebd. S. 231).

Das Ausmaß in dem die eigene Erwerbsbiographie und die daran geknüpfte Lebenspläne bedroht erscheinen prägt folglich die individuellen Erfahrungen in der Arbeitslosigkeit. So färbt die Wahrnehmung der Chancen auf Wiedereinstellung nachhaltig die Alltagserfahrungen in sämtlichen Lebensbereichen (vgl. Kronauer 2002, S. 84). Kronauer unterscheidet auf Grundlage einer Untersuchung aus dem Jahr 1993 prinzipiell drei Grade der erwerbsbiographischen Gefährdung (vgl. ebd., ff.). Auf der ersten Stufe erscheint Arbeitslosigkeit (noch) als integrierbarer Bestandteil der Erwerbsbiographie. Auf dieser Stufe wird die Arbeitsmarktperspektive eher als unproblematisch eingeschätzt und die Erwartungen und Ansprüche an eine befriedigende und angemessen bezahlte Arbeit werden aufrecht erhalten. Auf dieser Stufe finden sich v.a. kurzfristig Arbeitslose, meist junge und beruflich qualifizierte Facharbeiter oder Angestellte. Auf der zweiten Stufe steht die Integrierbarkeit der Arbeitslosigkeit bereits in Frage. Die Gewissheit einen neuen Arbeitsplatz zu finden ist in der Regel geschwunden, und die Chancen werden eher als prekär oder schlecht beurteilt. Die eigenen Ansprüche und Erwartungen an die Arbeit geraten unter Druck und führen zu einer erhöhten Bereitschaft zu Konzessionen. Diese Gruppe weist erfahrungsgemäß eine hohe Varianz auf und es finden sich sowohl Qualifizierte als auch Ungelernte, allerdings kommt es v.a. in den mittleren und höheren Altersgruppen zu einer Verfestigung der Arbeitslosigkeit. Auf der letzten Stufe wird Arbeitslosigkeit schließlich zur „lebensbestimmenden sozialen Realität" (Kronauer, Berthold & Gerlach 1993 S. 172). Hier sehen Betroffene für sich keine Chancen mehr am Arbeitsmarkt, was zu Hoffnungslosigkeit und letztendlich zum Zusammenbruch der biographischen Orientierung und der Aufgabe der eigenen Bemühungen führt. Es kommt zu einem Rückzug vom Arbeitsmarkt und der Einsicht auf Dauer „im Zustand der Nutzlosigkeit und unerfüllten Zielen leben zu müssen" (ebd., S. 182). In dieser Gruppe finden sich v.a. über 45jährige, un- oder angelernte Personen nach langfristiger Arbeitslosigkeit von zwei Jahren und länger.

Auf jeder Gefährdungsstufe lassen sich zudem Bewältigungsmuster differenzieren, in deren Folge Arbeitslose besser oder schlechter mit ihrem Alltag zurechtkommen. Ausschlaggebend ist die Fähigkeit die Zeit mit „sinnvoll erlebtem Handeln" (Kronauer 2002, S. 85) zu füllen und einem Gefühl der Nutzlosigkeit zu entgehen. Hierzu bedarf es der Bestätigung durch das soziale Umfeld sowie materieller Ressourcen.

In Anbetracht der zu Verfügung stehenden Ressourcen unterscheiden sich Arbeitslose in ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten die Zeit als ausgefülltes Tun und als sinnvoll zu erleben, doch der Einfluss der erwerbsbiographischen Gefährdung bleibt dennoch erhalten. Denn die subjektive Vorstellung der Hoffnungslosigkeit auf eine Rückkehr in Erwerbsleben prägt in besonderem Maße das Alltagshandeln und Bewusstsein der Betroffenen. So beschreibt Kronauer für die Personengruppe, für die Arbeitslosigkeit zur lebensbestimmenden sozialen Realität wird, zwei charakteristische Muster (ebd., S. 88 f.). Für beide (idealtypische) Gruppen wird die nachhaltige Rückkehr in das Erwerbsleben nicht mehr als realistische Möglichkeit in Betracht gezogen. Beide befinden sich in dem ständigen Widerspruch noch immer mit den gesellschaftlichen Anforderungen der Arbeitsgesellschaft konfrontiert zu sein, ohne jedoch die Möglichkeit zu besitzen, diesen Anforderungen zu entsprechen. Arbeitslosigkeit erweist sich für beide Gruppe als „soziale Falle, in der Handeln und Nichthandeln am Arbeitsmarkt Leid erzeug" (Mehlich 2005, S. 116). Während die eine Gruppe durch Passivität und den Rückzug vom Arbeitsmarkt sowie aus sozialen Kontakten versucht diesen Konflikt zu beseitigen, kommt es bei der anderen Gruppe zu einem Prozess der Neuorientierung, in dem die einseitige Orientierung an der Erwerbsarbeit neuen Haltungen und Aufgaben weicht. Beide Handlungsmuster reflektieren gleichermaßen ein Gefühl außerhalb der Gesellschaft und ihrer Teilhabemöglichkeiten zu stehen und die Betroffenen empfinden ihre Lage insofern als ausweglos, als sie keine Handlungsoptionen besitzen außer sich resigniert passiv oder aktiv gewöhnend in die Begebenheiten einzurichten (vgl. ebd., S. 117).

Während für die Gruppe der „resignativen Einrichter" die Identität und soziale Integration zunehmend brüchig wird, dient der Gruppe der „aktiven Anpasser" die soziale Unterstützung durch das direkte soziale Umfeld als wichtiger Identitätsstützpunkt. Häufig dienen zusätzlich Aktivitäten im familiären Umfeld oder in Form von Nebenerwerbstätigkeiten als Quelle sozialer Anerkennung. Gefühle der Nutzlosigkeit treten so zurück und neue Zeitstrukturen bilden sich heraus. Laut Kronauer, Berthold und Gerlach zeichnen sich in beiden Erfahrungs- und Verarbeitungsmustern Umrisse einer „sozialen Schicht der Dauerarbeitslosen" (Kronauer u.a. 1993, S. 229 ff.) ab. Arbeitslosigkeit ist in diesen Fällen keine erwerbsbiographische Episode mehr, sondern lebensbestimmende Realität.

Es lässt sich festhalten, dass die vergesellschaftende Kraft von Erwerbsarbeit auch die Erfahrungen in der Arbeitslosigkeit maßgeblich bestimmt. So verändern sich mit zunehmender Bedrohung der beruflichen Perspektive und der Entfernung von der gesellschaftlichen Normalität maßgeblich Arbeitslosigkeitserfahrungen und Verarbeitungsmuster.

Langzeitarbeitslosigkeit als Rückzugsprozess

Gesellschaftliche Marginalisierung und Ausgrenzung müssen nicht zwangsläufig Folge von Arbeitslosigkeit sein, und auch die beschriebenen Verlaufstypen der Ausgrenzungsverläufe deuten auf eine gewisse Vielfalt der sozialen Randlagen in der Arbeitsgesellschaft hin. So ist Langzeitarbeitslosigkeit auf ganz unterschiedlichen Wegen und in unterschiedlicher Weise für die dargestellten Gruppen zur erzwungenen Lebensform geworden. Es lässt sich jedoch festhalten, dass sich v.a. in den sozialen Milieus der Arbeiterschaft eine Soziallage „überflüssiger" und für die neue Arbeitswelt dysfunktionaler Erwerbspersonen herauszubilden beginnt (vgl. Vogel 2001, S. 164). Die Ausgrenzungserfahrungen die charakteristisch für diese Schicht sind, sind vielfältig. Mit dem dauerhaften Verlust der Erwerbsarbeit geht letztendlich nicht nur die materielle Sicherheit und Selbstständigkeit verloren.

Soziale Ausgrenzungsverläufe beginnen in der Langzeitarbeitslosigkeit, wie im vorangegangenen Kapitel dargestellt, oft in der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen „Normalität" und dem daraus resultierenden Empfinden, sich mit der eigenen Lebenslage im Wiederspruch zu dieser zu befinden. Je stärker die Orientierung an dieser Normalität ausgeprägt ist, und je mehr die Abkoppelung der eigenen Lebenswelt von dieser offensichtlich wird, desto schneller vollziehen sich auch „innerliche Ausgrenzungsprozesse" (Mehlich 2005, S. 237). Geht die Hoffnung auf Rückkehr in den Arbeitsmarkt gänzlich verloren, und wird die Arbeitslosigkeit als endgültiger Biographiebruch wahrgenommen, so wird Dauerarbeitslosigkeit zur sozialen Lebensrealität und bestimmt das Bewusstsein sowie die Handlungen in der Alltagsbewältigung. Denn konstruktive Bewältigungsformen von Dauerarbeitslosigkeit sind v.a. mit der Hoffnung auf Wiedereinstieg verbunden und der Verlust der Gewissheit auf eine Rückkehr ins Erwerbsleben führt bei vielen Betroffenen zu einem Zusammenbruch der bisherigen biographischen Orientierung und Handlungsmotivation.

Mehlich konstatiert basierend auf qualitativen Befragungen an Langzeitarbeitslosen und Experten aus dem Sozialwesen, dass mit zunehmender Verfestigung der Arbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch der handlungsleitenden Orientierung, die überwiegende Mehrheit der Betroffenen in eine Position des „Einrichtens" gerät (Mehlich 2005, S. 214). Diese ist charakterisiert durch das Bewusstsein, dass die ursprünglichen Lebensziele unerreichbar sind und das eigene Handeln nichts daran zu ändern vermag. Dieses Bewusstsein führt letztendlich zum Zerfall bisheriger Sinnerklärungen und Lebensgestaltungsprinzipien, welcher das „Einrichten" als letzte und zwangsläufige Option offen lässt um der Hilflosigkeit sowie dem, subjektiv oft als persönlich erlebten, Scheitern zu entgehen. Dieser Rückzugsprozess wird als schleichender Substanzverlust charakterisiert und ist nicht als eine bewusste Entscheidung zu verstehen (ebd., S. 205).

Für viele Betroffene ist das „Einrichten" der Endpunkt eines langen Leidensweges des „überflüssig-Werdens". Sie sehen sich vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, von den Institutionen abgeschrieben und zunehmend sozial isoliert (ebd., S. 236 f.). In dieser Form ließe sich durchaus davon sprechen, dass verfestigte Arbeitslosigkeit zur Grundlage einer eigenständigen sozialen Lage mit spezifischen Lebensbedingungen, Bewusstseinsformen und Verhaltensweisen wird. Diese sind geprägt durch einen individuellen Rückzug in Form einer „Selbstexklusion" als Reflektion von Stigmatisierungserfahrungen, dem Verlust der biographischen Orientierung und Deprivationserfahrungen auf einer breiten psychosozialen Ebene.

Soziales Leben und Erleben im Kontext von Langzeitarbeitslosigkeit

Nachdem es im vorangegangenen Kapitel um Wege und Prozesse der Langzeitarbeitslosigkeit ging,

sollen nun konkret die Folgen der beschriebenen Ausgrenzungsverläufe auf den Bereich des sozialen Lebens und Erlebens der Betroffenen dargestellt werden.

Die sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen von Arbeitslosigkeit sind mittlerweile sehr gut untersucht[7] und die Zahl der empirischen Studien im Bereich der Arbeitslosenforschung ist inzwischen nahezu unüberschaubar. In der Gesamtschau weisen die Forschungsergebnisse seit langem wiederkehrend darauf hin, dass der Verlust der Erwerbsarbeit sich in westlichen Arbeitsgesellschaften in hohem Maße problematisch auf die physische wie psychosoziale Befindlichkeit auswirkt.

In der Forschungsliteratur wird übereinstimmend eine erhöhte Morbidität, v.a. bezüglich psychischer Erkrankungen, und Mortalität von Langzeitarbeitslosen im Vergleich zu Erwerbstätigen bestätigt (vgl. Albani 2007, S. 55). Dies äußert sich in physiologischer Hinsicht in erhöhtem Blutdruck, der Zunahme von Herzinfarkten und Arztbesuchen, einer breiten Palette an psychosomatischen Beschwerden sowie häufigeren und längeren Krankenhausaufhalten. In Bezug auf psychologische Störungen und Befindlichkeitsverschlechterungen berichten Arbeitslose u.a. über depressive Verstimmungen, Angstzustände, ein verringertes Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit und Resignation bis hin zur Apathie (vgl. Wacker 2000). Inwiefern es möglicherweise auch im Bereich des sozialen Lebens und Erlebens der Betroffenen zu Beeinträchtigungen durch dauerhafte Arbeitslosigkeit kommt, soll in den nächsten Kapiteln erörtert werden.

Selektions- und Verursachungseffekte

Eine Darstellung der individuellen Folgen von Arbeitslosigkeit unterliegt stets der Gefahr einer deterministischen Verkürzung, die einseitig Arbeitslosigkeit als Ursache einer Vielzahl damit verbundener Probleme postuliert. Aber ob gesundheitliche und psychosoziale Belastungen direkte Folge von Arbeitslosigkeit sind, oder ob sie sich auf andere Ursachen zurückführen lassen, ist eine komplexe Frage, über die in der Forschung kein Konsens besteht. Um eine deterministische Vereinfachung zu vermeiden, widmet sich dieses Kapitel zunächst der Frage nach der Kausalität bzw. nach der Wirkungsrichtung des Zusammenhangs von Arbeitslosigkeit und individueller Beeinträchtigung.

Empirisch klar belegt ist, dass Arbeitslosigkeit und psychische wie physische Gesundheit auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. Auf der einen Seite sind gesundheitlich vorbelastete Arbeitnehmer aufgrund betrieblicher Entlassungs- und Einstellungspraktiken besonders stark Gefahren am Arbeitsmarkt ausgesetzt. Sie tragen ein höheres Risiko entlassen zu werden, besitzen geringere Chancen auf Wiederbeschäftigung und bleiben demnach überdurchschnittlich lange arbeitslos. Doch auf der anderen Seite bergen der Verlust der Erwerbsarbeit und andauernde Arbeitslosigkeit selbst eigenständige Risikofaktoren, die erst die Entstehung von diversen Problemen auf gesundheitlicher Ebene begünstigen (vgl. Kieselbach/Beelmann 2006, S. 452).

Die Interpretation, psychische Labilität und gesundheitliche wie soziale Beeinträchtigungen seien direkte Folgen von Arbeitslosigkeit wird in diesem Zusammenhang als Verursachungshypothese bezeichnet. Komplementär hierzu lassen sich Ansätze, die davon ausgehen dass Personen mit psychischen oder physischen Vorbelastungen eher arbeitslos werden und dies länger bleiben, unter der Selektionshypothese zusammenfassen.

Laut aktuellem Forschungsstand sind sowohl Verursachungs- als auch Selektionseffekte aktiv, wobei aber die Verursachungseffekte deutlich stärker ausgeprägt sind (vgl. Mohr 2008, S. 26). Depressivität, Angstsymptome, psychosomatische Beschwerden und eine Verringerung des Selbstwertgefühls sind hierbei als unmittelbare psychische Folgen von Arbeitslosigkeit nachgewiesen. Die Dauer der Arbeitslosigkeit und die finanzielle Situation der Betroffenen stellen dabei zentrale Faktoren zur Erklärung von Unterschieden im Erleben und Bewältigen von Arbeitslosigkeit dar. Auf einen Verursachungseffekt weist auch hin, dass im Falle einer Wiederbeschäftigung Beeinträchtigungen und Belastungen deutlich zurück gehen (vgl. ebd.).

Verschiedene Studien belegen, dass v.a. Langzeitarbeitslosigkeit die Vulnerabilität gegenüber anderen belastenden Lebensereignissen wie gesundheitlichen, persönlichen oder familiären Problemen in besonderem Maße erhöht (vgl. Kuhnert & Kastner 2001, S. 268). In der Arbeitslosigkeit führen private Stressoren wahrscheinlicher zur überforderung von individuellen Bewältigungsressourcen und krisenhaften Entwicklungen. Diese Hypothese wurde bereits früh in der psychologischen Arbeitslosenforschung vertreten. So kamen Eisenberg und Lazarsfeld 1938 zu der Ansicht, „The general conclusion [...] is that unemployment tends to make people more emotionally unstable than they were previous to unemployment." (Eisenberg & Lazarsfeld 1938, S. 359) Obwohl diese frühen Arbeiten Arbeitslosigkeit als Ursache psychischer Symptome bei Arbeitslosen präferierten, kam schnell auch die Frage nach möglichen Selektionseffekten auf. Frese und Mohr (1978) systematisierten später vier Hypothesen, die das Auftreten psychischer Probleme bei Arbeitslosen erklären können. Neben den bekannten Selektions- und Verursachungseffekten wiesen sie darauf hin, dass eine Drittvariable sowohl die Arbeitslosigkeit als auch psychische Beeinträchtigungen bedingen könnte (z.B. Bildungsniveau). Für diese These führten sie allerdings keine empirischen Belege an. Als Erklärungsmuster favorisierten die Autoren eine Kombination von Selektions- und Verursachungseffekten, in der Form eines „Teufelskreises":

„Als Folge der Arbeitslosigkeit entwickelt er [der Arbeitslose, d.V.] psychische Störungen, diese bereiten ihm wiederum Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche und reduzieren seine Chance der Wiedervermittlung." (ebd., S. 319, zitiert nach Paul & Moser 2001, S. 86)

Ein kreisförmiger Zusammenhang könnte andersherum auch so aussehen, dass bereits vorbelastete Personen verletzlicher gegenüber den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit sind. Der Forschungsstand zur Kausalitätsfrage aus der psychologischen Arbeitslosenforschung lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Alle Autoren älterer überblicksartikel gehen davon aus, daß zumindest ein Teil der Symptome Arbeitsloser durch die Erfahrung der Arbeitslosigkeit verursacht wird." (Paul & Moser 2001, S. 88)

Im Rahmen einer jüngeren Metaanalyse auf Basis von 237 internationalen Querschnitts- und 87 Längstschnittstudien kommen Paul und Moser zu ähnlichen Ergebnissen. Psychosoziale Symptome (Gefühl der Nutzlosigkeit, Fehlen von Zeit- und Zielstrukturen, Depressionen, Angst, Störungen des Selbstwertgefühls, Schuldgefühle) korrelieren in der Analyse nicht nur mit Arbeitslosigkeit sondern lassen sich auch kausal als Folgen andauernder Arbeitslosigkeit beschreiben. In einer Querschnittanalyse konnte zunächst ein konsistent schlechteres psychisches Befinden bei Arbeitslosen als bei Erwerbstätigen nachgewiesen werden, wobei aber die Stärke der negativen Effekte des Erwerbsstatus erheblich schwankte. Dabei konnten Moderatoreffekte für die Variablen Alter, Geschlecht und Dauer der Arbeitslosigkeit belegt werden, es gab jedoch keine Personengruppe bei der Arbeitslose nicht ein deutlich schlechteres Befinden aufweisen. Im Rahmen einer Längstschnittanalyse wurden anschließend die Selektions- bzw. Verursachungshypothese überprüft.

Während es bei Personen, die zwischen den Untersuchungszeitpunkten von der Erwerbstätigkeit in die Arbeitslosigkeit wechselten, zu einer Zunahme psychischer Symptome und einer insgesamt nachweisbaren Verschlechterung der psychische Gesundheit kam, war im umgekehrten Fall beim Wechsel von der Arbeitslosigkeit in die Erwerbstätigkeit eine Umkehrung der Ergebnisse und eine deutliche Verbesserung des seelischen Befindens festzustellen. „Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit herausfinden, zeichnen sich demnach durch eine deutliche Verbesserung ihres psychischen Zustands aus." (ebd., S. 95)

überraschenderweise zeigte sich bei Personen, die zu beiden Untersuchungszeitpunkten arbeitslos waren keine signifikante Veränderung der psychischen Gesundheit. Dieses Ergebnis widerspricht dem nachgewiesenen Moderatoreffekt der Arbeitslosigkeitsdauer, der dazu führen sollte, dass Langzeitarbeitslose stärker belastet sind. Als Fazit lässt sich festhalten, dass die metaanalytischen Ergebnisse der durchgeführten Längstschnittstudien einen sehr starken Beleg für die Hypothese darstellen, „dass Arbeitslosigkeit nicht nur mit psychischen Beschwerden korreliert ist, sondern diese auch verursacht." (ebd., S. 100) Unter Berücksichtigung des Antizipationseffektes, der bewirkt, dass bereits ein drohender aber noch nicht eingetretener Arbeitsplatzverlust sich negativ auswirkt, kann zudem davon ausgegangen werden, dass die durch Arbeitslosigkeit verursachte Verschlechterung unterschätzt wird.

Zwar sind die festgestellten Kausaleffekte größer als die Selektionseffekte, aber man kann nicht von einem einheitlichen Reaktionsmuster sprechen (vgl. Udris 2005, S. 18). Trotz des eindeutigen Nachweises eines Verursachungseffektes muss die zusätzliche Existenz eines Selektionseffektes nicht automatisch ausgeschlossen werden. Beide Hypothesen schließen sich logisch nicht aus und können parallel gültig sein. Selektionseffekte sind sowohl für den Verlust einer Stelle als auch für die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz nachweisbar, besitzen aber nur eine sehr schwache Effektstärke und sind praktisch wenig bedeutsam (vgl. Paul & Moser 2001, S. 102 f.).

So konstruieren auch Paul und Moser, analog zu Frese und Mohr (s.o.) sowie Hollederer (2008), abschließend das Bild eines „Teufelskreises", der von Selektionseffekten im Rahmen beruflicher Transitionen, als auch von kausalen Effekten durch Arbeitslosigkeit charakterisiert ist. Bereits vorbelastete Personen werden demnach eher arbeitslos, wobei der Zustand der Arbeitslosigkeit sukzessiv psychosoziale Probleme verursacht und verstärkt, die die Suche nach einer neuen Stelle zusätzlich erschweren. Dies führt letztendlich mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Verfestigung und erhöhten Dauer der Arbeitslosigkeit. Seelisches Leid kann demzufolge sowohl Ursache als auch Wirkung von Arbeitslosigkeit sein, wobei die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die psychische Gesundheit aber deutlich stärker sind als umgekehrt (ebd., S. 104).

Soziale Beziehungen als Ressource in der Langzeitarbeitslosigkeit

Soziale Nahbeziehungen erfüllen für die meisten Menschen elementare Bedürfnisse nach sozialer Einbindung, Verortung und Zugehörigkeit. Außerdem bieten freundschaftliche und familiäre Netzwerke emotionalen Halt und sind Quelle für diverse Gefälligkeiten, hilfreiche Informationen und finanzielle Unterstützung. Grade in Notlagen und problematischen Lebenslagen sind die aus dem sozialen Nahumfeld generierten Unterstützungsleistungen besonders wichtig. So können informelle Beziehungsnetzwerke bei der Bewältigung von Mangelsituationen wie Arbeitslosigkeit oder kritischen Lebensereignissen, Belastungen durch materielle und immaterielle Bewältigungsressourcen mildern (vgl. Böhnke 2007, S. 235). Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass es mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit zu einer Abnahme der sozialen Unterstützung kommt (vgl. Mohr 2001, S. 122). In diesem Zusammenhang wäre es besonders problematisch, wenn es in der Folge von Langzeitarbeitslosigkeit zu einer zunehmenden Erosion des sozialen Netzwerkes käme.

Ein weiterer relevanter Aspekt sozialer Beziehungen im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit ist ihr positiver Einfluss auf den Erfolg bei der Stellensuche. Soziale Netzwerke fungieren hier v.a. als informations- und kontaktvermittelnde Instanz und können auf dem Weg in den Arbeitsmarkt sehr hilfreich sein. „Sie können aber auch als Indikator für eine gewisse Soziabilität, soziale Integration sowie Unterstützungspotential im sozialen Umfeld dienen, was ebenfalls die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit begünstigen könnte." (Andreß & Krüger 2006, S. 55). Soziale Kontakte können also als Ressource verstanden werden, die für den Ausstieg aus Arbeitslosigkeit von Bedeutung ist.

In einem viel zitierten Aufsatz über „The strength of weak ties" (1973) weist Granovetter darauf hin, dass v.a. Beziehungen, die von geringer Kontakthäufigkeit und schwacher emotionaler Bindung gekennzeichnet sind, Vorteile für die Positionierung auf dem Arbeitsmarkt verschaffen können. Allerdings gilt dies in erster Linie bei bereits etablierten Erwerbsbiographien und im eher höher qualifizierten Berufsspektrum. Am Beginn der Erwerbsbiographie und im gering qualifizierten Arbeitsmarktsegment seien dagegen starke Beziehungen hilfreicher. Für den Wiedereinstieg von Langzeitarbeitslosen ließe sich dementsprechend annehmen, dass gerade starken Beziehungen eine wichtige Rolle zukommt. Desweiteren muss berücksichtigt werden, dass die schwachen Beziehungen z.B. aus berufsbezogenen Kontakten, mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit schwinden (vgl. Gröhnke u.a. 2006) und dementsprechend keine Alternative zur Nutzung von starken Beziehungen existiert.

Die Stärke der Auswirkungen sozialer Beziehungen im Vergleich zu anderen Faktoren ist umstritten, ebenso welche Merkmale ein Netzwerk aufweisen muss, um eine positive Wirkung zu entfalten. Denn die Größe des Netzwerkes allein garantiert noch nicht, dass das Informationspotential auch hoch ist. In einem sehr homogenen milieuspezifischen Netzwerk ist der Informationsnutzen der Beziehungen wahrscheinlich eher gering ausgeprägt.

Dennoch sind auch für Langzeitarbeitslose soziale Kontakte bei der Stellensuche hilfreich, wie in einer Längstschnittuntersuchung anhand des Niedrigeinkommenspanels zwischen 1998 und 2002 (Brandt 2006) empirisch nachgewiesen werden konnte. Die Studie zeigt, dass Aussteiger aus Arbeitslosigkeit tendenziell über mehr enge Beziehungen verfügen als Personen, die arbeitslos verblieben. „Die Anzahl der engen Freunde und Haushaltsmitglieder hat einen signifikant positiven Einfluss auf die Ausstiegschance." (Brand 2006, S. 485) 29 % der Aussteiger fanden ihre neue Stelle direkt über soziale Beziehungen, dies entspricht in Etwa dem Ergebnis vergleichbarer Studien, in denen zwischen einem Viertel und einem Drittel der Personen ein Wiedereinstieg über informelle soziale Beziehungen gelang (vgl. Andreß & Krüger 2006, S. 83). Auch unter Berücksichtigung verschiedener Drittvariablen (Bildung, Alter, Geschlecht) blieb der positive Einfluss großer und heterogener Netzwerke erhalten.

„Sowohl die Quantität der (engen) Kontaktpersonen als auch die Ausdehnung des Netzwerks auf unterschiedliche Beziehungsarten zeigen also einen klaren Zusammenhang mit dem Ereignis eines Ausstiegs aus Erwerbslosigkeit im Niedrigeinkommensbereich." (Brand 2006, S. 479)

Außerfamiliäre Beziehungen

Lebenslagen sind als besonders problematisch einzuschätzen, wenn Deprivationen und Belastungen im materiellen und psychischen Bereich zusätzlich noch mit einem Verlust an sozialem Rückhalt einhergehen. Daher soll es in diesem Kapitel konkret um den Zusammenhang von andauernder Arbeitslosigkeit und der Einbindung in soziale Netzwerke gehen. Die zugrunde liegende Frage ist, ob verfestigte Arbeitslosigkeit fehlende Unterstützung und Einschränkungen im Bereich informeller sozialer Beziehungen mit sich bringt. In diesem Fall käme es zu einer problematischen Kumulation von Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt, in materieller sowie sozialer Hinsicht. Aus einer anderen Perspektive ließe sich jedoch auch argumentieren, dass materielle Benachteiligungen und Bedarfssituationen rational begründet, nicht zu einem Rückzug, sondern zur Hinwendung zu Anderen führen und es im Rahmen eines Kompensationsmechanismus eher zur Inanspruchnahme von Hilfeleistungen und der Erweiterung von sozialen Netzwerken kommt (vgl. Böhnke 2007, S. 245).

Allerdings sprechen einige Argumente dafür, dass mit steigender Dauer der Arbeitslosigkeit unmittelbare soziale Beziehungen zunehmend belastet und reduziert werden können (vgl. Kuhnert & Kastner 2001; Albani u.a. 2007). Auf der Ebene von außerfamiliären sozialen Beziehungen bedeutet der Verlust des Arbeitsplatzes zunächst auch einen Verlust an sozialen Kontakten innerhalb der früheren Arbeitsumgebung. Können die Defizite in diesem Teilbereich nicht mehr durch einen anderen Teilbereich ausgeglichen werden, wäre die Gefahr von sozialer Isolation besonders groß.

Aufgrund des reduzierten Einkommens ist weiterhin die Teilnahme an sozialen Aktivitäten eingeschränkt, wenn man davon ausgeht, dass viele soziale und gesellige Aktivitäten in Form von Mobilitätskosten, dem gemeinsamen Konsum von Waren und Dienstleistungen oder Eintrittskosten für Veranstaltungen, direkt oder indirekt mit Ausgaben verbunden sind. Die soziale Umgebung und Aktivität stellt sich somit für Betroffene tendenziell als eingeschränkt dar (vgl. Udris 2005, S. 23). Inwiefern es damit zu einer generellen Einschränkung und Reduktion der sozialen Kontakte von Betroffenen kommt, konnte bisher nicht eindeutig bestätigt werden. Das verbreitete Vorurteil einer zwangsläufigen sozialen Isolation von Dauerarbeitslosen ist allerdings nicht zu halten und muss differenziert werden. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass es bei einem beträchtlichen Teil von Langzeitarbeitslosen durchaus zu einem sozialen Rückzugsverhalten kommt. In einer Studie zum Zusammenhang von psychischen und sozialen Faktoren bei der Bewältigung von Langzeitarbeitslosigkeit wiesen Kuhnert und Kastner darauf hin, dass der Wegbruch der beruflichen Gratifikationsebene meist durch das erodierende soziale Netz nicht kompensiert werden kann. So berichteten 50 % der Befragten über unzureichende Hilfen aus ihrem sozialen Netz und 14 % seien sozial bereits völlig isoliert (Kuhnert & Kastner 2001, S. 272). Laut der Untersuchung wiesen zwei Drittel der Teilnehmer selbstisolierende Verhaltenstendenzen auf, die sich in der Vermeidung von Kontakten zu Berufstätigen, anderen Arbeitslosen oder Vereinen und einer Abnahme der Freundschafts- und Bekanntschaftspflege äußerten.

„Das soziale Netzwerk wurde infolge der Langzeitarbeitslosigkeit sowohl quantitativ (Anzahl von Freunden und Bekannten, Einladungen) als auch qualitativ (bezogen auf soziale und emotionale Zuwendung) stark reduziert." (ebd.)

Rückzugsverhalten und Selbstisolationstendenzen gingen bei den Befragten zum einen korrelativ mit depressiven Verstimmungen sowie emotionaler Instabilität einher und zum anderen mit mangelnden Bewältigungskompetenzen und -ressourcen.

Auf die Gefahr durch den dauerhaften Verlust der Erwerbsarbeit soziale Bindungen zu verlieren macht auch Berthold Vogel eindringlich aufmerksam. Gerade diejenigen, die aus der gesellschaftlichen Integrations- und Anerkennungsmaschine Erwerbsarbeit herausfallen, seien von den negativen Folgen der Individualisierung in Form von Vereinzelung und Isolation besonders bedroht: „Arbeitslosigkeit und eine schwache Position im Arbeitsleben machen einsam" (Vogel 2004, S. 17). Die Situation dieser für den Arbeitsmarkt „überflüssigen" wird somit weiter verschärft:

„Die Lage der „überzähligen" und „überflüssigen" behindert bzw. verhindert den Aufbau sozialer Kontakte und das Knüpfen sozialer Netze. [...] Denn nur derjenige ist heute stark auf den Märkten der Gesellschaft, der im Erwerbsleben seinen Mann oder seine Frau steht." (ebd.)

In einer empirischen Analyse egozentrierter Netzwerke kommt Diewald (1991) dagegen zu dem Schluss, dass Einkommens- und Beschäftigungsstatus für die Einbindung in soziale Beziehungen und die Anzahl sozialer Kontakte nur am Rande eine Rolle spielen. Dennoch ist Arbeitslosigkeit in diesem Zusammenhang für verschiedene Gruppen durchaus von Bedeutung. Eine fehlende Einbindung ins Erwerbsleben ist z.B. für Väter ausgesprochen unüblich, und führt nicht zur Kompensation durch verstärkte informelle Freundschaftsbeziehungen, „sondern einer weiteren Deprivation in Form einer schwächeren Einbindung in erworbene Beziehungen außerhalb der Familie." (Diewald 1991, S. 161)

Das Ausmaß der sozialen Einbindung variiert weiterhin mit einer Vielzahl anderer Faktoren, v.a. mit der „Lebensform", also der jeweiligen vom Alter abhängigen haushaltsspezifischen Form des Zusammenlebens. Mit zunehmendem Alter werden die sozialen Netzwerke von Personen tendenziell kleiner und Personen in Familienkontexten verfügen im Durchschnitt über kleinere Netzwerke außerhalb des eigenen Haushalts. Die Ursache hierfür liegt u.a. in der Verschiebung des Zeitbudgets auf innerfamiliäre Kontakte, während das Fehlen von Kindern oder eines Partners eher zur Steigerung der Außenkontakte führt.

Andreß, Lipsmeier und Saletin kommen in einer Studie, die sich jedoch nur auf Einkommensarmut als Prädiktor sozialer Einbindung bezieht, ebenfalls zu dem Schluss, dass die Effektstärke von Einkommensunterschieden im Vergleich zu den Faktoren Alter und Lebensform eher gering einzuschätzen ist (vgl. Andreß, Lipsmeier & Saltin 1995, S. 313). In der Tendenz bestätigt die Studie aber die Reduktion der Anzahl der sozialen Beziehungen außerhalb des eigenen Haushalts mit fallender Einkommensposition. „Man kann daher davon ausgehen, daß es sich tatsächlich um Einkommenseffekte handelt, auch wenn sie nur gering sind." (ebd.) In der Extremkategorie der Personen ohne Freunde und Bekannte finden sich im unteren Einkommensbereich eindeutig höhere Fallzahlen, was auf eine erhöhtes Risiko sozialer Isolation schließen lässt.

„Insgesamt kann man für Westdeutschland sagen, [...] die Anzahl der Kontakte mit Freunden und Bekannten ist geringer, mehr Personen berichten, daß sie keinen Freund oder Bekannten haben und dementsprechend erwarten sie aus diesem Kreis auch weniger Hilfen." (ebd.)

Dieses Phänomen sei in erster Linie durch den Mangel an finanziellen Ressourcen begründet, da die Aufrechterhaltung von Beziehungen, wie bereits erwähnt, direkt und indirekt mit Kosten verbunden seien. Weiterhin könnten auch Schamgefühle und Stigmatisierungserfahrungen eine Rolle spielen, die zum Rückzug in die Familie und dem Abbruch von Kontakten außerhalb des eigenen Haushaltes führen. Außerdem weisen die Autoren auf das Reziprozitätsprinzip hin, dass privaten sozialen Beziehungen zu Grunde liegt. Die Pflege von Beziehungen drückt sich demnach im wechselseitigen Austausch von Unterstützungsleistungen aus. Schätzen Betroffene ihre eigene Leistungsfähigkeit und Ausstattung mit Ressourcen als gering ein, werden sie sich eher aus Beziehungen zurückziehen, in denen das Reziprozitätsprinzip wirksam ist (ebd., S. 303). Auch wenn es in dieser Studie explizit um den Einfluss von Einkommensarmut auf die soziale Einbindung ging, so sollten die Ergebnisse sich zum größten Teil auf Langzeitarbeitslose übertragen lassen. Schließlich ist davon auszugehen, dass die überwältigende Mehrheit der Personen mit verfestigter Arbeitslosigkeitserfahrung von Einkommensarmut betroffen ist.

An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass die Einkommens- und Beschäftigungsposition auch Konsequenz und nicht Ursache einer guten sozialen Einbindung und eines großen sozialen Netzwerkes sein kann. Ebenso können sowohl soziale Einbindung als auch Einkommens- und Beschäftigungsposition Folge bestimmter Persönlichkeitsmerkmale sein: „Successful types of people are successful both, materially and socially" (Fischer 1982, S. 252). Demnach ließe sich vermuten,

„daß enge Freundesbeziehungen tendenziell nicht - quasi kompensatorisch - bei denjenigen Bevölkerungsgruppen besonders häufig sind, die sich ansonsten in geringerem Umfang beteiligen, sondern bei denjenigen, die auch ansonsten engagiert und erfolgreich sind." (Diewald 1991, S. 172 f.)

Festzuhalten bleibt, dass sich sowohl theoretische als auch empirische Hinweise auf eine tendenzielle Benachteiligung Langzeitarbeitsloser bezüglich der Einbindung in soziale Beziehungsstrukturen finden lassen. „So hängt Arbeitsmarktnähe offenbar positiv mit der Anzahl der Sozialkontakte zusammen." (Andreß & Krüger 2006, S. 50) Die verbreitete Vorstellung, verfestigte Arbeitslosigkeit und beschränkte materielle Verhältnisse gingen zwangsläufig mit sozialer Isolation einher, konnte dagegen bisher nicht bestätigt werden.

Ehe und Partnerschaft

Neben den außerfamiliären Netzwerken sind oftmals auch innerfamiliäre Beziehungsstrukturen und partnerschaftliche Beziehungsverhältnisse in der Langzeitarbeitslosigkeit nachteilig beeinflusst. So ziehen sich viele Betroffenen aufgrund der von Erwerbstätigen unterschiedlichen Zeitstrukturen, mangelnden ökonomischen Ressourcen, aus Scham oder der Angst vor Stigmatisierung in den engeren Familienkreis zurück (vgl. Mehlich 2005, S. 175ff.). Wenn allerdings größere Teile der Zeit zu Hause verbracht werden, birgt die ständige persönliche Konfrontation Konfliktpotentiale (vgl. Bleich & Witte 1992, S. 742). Somit kann die zunehmende Fokussierung auf das unmittelbare familiäre Umfeld zu einer stärkeren Belastung und erhöhten Krisenanfälligkeit der partnerschaftlichen und familiären Bindungen führen (vgl. MAGS NRW 1998). Dies ist besonders kritisch für Familienbeziehungen, die bereits vor Eintritt der Arbeitslosigkeit problembehaftet waren, da sich diese in der Folge rapide weiter verschlechtern (vgl. Pelzmann 1988, S. 155). Die sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit reichen also über die Gruppe der Arbeitslosen selbst hinaus. Sie wirkt sich auch auf ökonomisch abhängige Personen und unmittelbare Bezugspersonen der Betroffenen aus. So werden v.a. Partner und Familien oft als „Opfer durch Nähe" in Mitleidenschaft gezogen. Bei Kindern in Arbeitslosenfamilien wurden etwa ein schlechteres psycho-emotionales Befinden und schlechtere Schulleistungen bei anhaltender Dauer der familiären Arbeitslosigkeit festgestellt (vgl. Baarda u.a. 1990). Konflikte und Spannungen zwischen (Ehe-)Partnern und innerhalb von Familien müssen nicht zwangsläufig durch Arbeitslosigkeit entstehen, doch werden durch diese in der Regel verstärkt. Neben wachsenden innerfamiliären Spannungen können Familien oder feste Partnerschaften aber auch eine stabilisierende Funktion haben. Ob anhaltende Arbeitslosigkeit letztendlich zu Ehe- und Familienzusammenbrüchen führt oder sie enger zusammen bringt, hängt dabei auch von anderen Faktoren ab.

Statistisch lassen sich Hinweise für einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Ehescheidungen und Arbeitslosigkeit finden. So sind Langzeitarbeitslose seltener verheiratet oder leben in einer festen Partnerschaft und weisen eine kürzere Dauer von partnerschaftlichen Beziehungen auf (vgl. Förster u.a. 2008, S. 38). Zum Teil basiert dieser Zusammenhang jedoch auch auf dem Umstand, dass die Scheidungsrate in unteren sozialen Schichten ebenso erhöht ist wie die Langzeitarbeitslosenquote (vgl. Udris 2005, S. 24). In Rahmen einer schriftlichen Befragung haben Bleich und Witte (1992) die allgemeinen Veränderungen in Paarbeziehungen nach Eintritt in die Arbeitslosigkeit untersucht. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich die subjektive Qualität der Paarbeziehung mit Eintritt der Arbeitslosigkeit tendenziell verändert. So kam es bei den meisten Paaren zu einer Verringerung des emotionalen Zusammenhaltes und der Anpassungsfähigkeit der Beziehung mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit (Bleich & Witte 1992, S. 741). In diesem Sinne lässt die Arbeitslosigkeit als Stressor die Partner nicht enger zusammenrücken, sondern verschärft latente Probleme. Eine moderierende Funktion kommt der Bedeutung der Erwerbsarbeit im Selbstkonzept der Betroffenen zu. Je geringer die individuelle Bedeutung der Arbeit für die Identität der Befragten ist, desto geringer ist die Belastungswirkung von Arbeitslosigkeit in der Paarbeziehung. Weitere Moderatoren für die Bewältigung von Arbeitslosigkeit in der Paarbeziehung sind laut der Autoren soziale Unterstützung und die subjektive Einschätzung der finanziellen Situation. Die Studie weist außerdem darauf hin, dass die Beziehungsqualität während der Arbeitslosigkeit in hohem Maße abhängig ist von der Qualität vor Eintritt in die Arbeitslosigkeit. Intensiveres Reflektieren und eine stärkere Zentrierung auf die Beziehung führt in der Folge der Arbeitslosigkeit dann dazu, „daß die Anforderungen der Situation 'Arbeitslosigkeit' für die Partner die Qualität der Beziehung verdeutlichen" (ebd., S. 743).

In einer Studie aus dem Jahr 2001 setzt sich Kraft ebenfalls mit den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Trennungswahrscheinlichkeit von Paaren auseinander. Diesbezüglich kommt er zu folgendem Schluss:

„The most important result is of course the significant positive impact of the number of months of unemployment. A longer spell of unemployment increases the risk of separation from oneĀ“s partner." (Kraft 2001, S. 79)

Die Arbeitslosigkeit der Frau hat dabei einen geringeren Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Trennung, was die Vermutung nahelegt, dass „ [...] professional success of men is still more important for the stability of the marriage than that of women." (ebd., S. 82) Kraft weist jedoch darauf hin, dass es prinzipiell viele Erklärungen für eine solche Korrelation geben könnte, bei denen die Arbeitslosigkeit als solches nicht ausschlaggebend für die Trennungswahrscheinlichkeit von Paaren ist. Es wären beispielsweise bestimmte Persönlichkeitsmerkmale denkbar, die sowohl das Risiko von Arbeitslosigkeit als auch einer Trennung erhöhen. Als weitere mögliche Drittvariable kämen gesundheitliche Probleme in Frage, die tendenziell eher zum Verlust eines Arbeitsplatzes bzw. der Verminderung der Chancen der Wiedervermittlung führen und auf der anderen Seite Paarbeziehungen belasten können. Ein Zusammenhang diesbezüglich konnte in der Studie jedoch nicht bestätigt werden. Aus der Perspektive einer umgekehrten Kausalität ließe sich auch argumentieren, dass Probleme in einer Paarbeziehung sich möglicherweise nachteilig auf die Jobsicherheit auswirken, da sie die Konzentrations- und Belastungsfähigkeit am Arbeitsplatz vermindern.

Zeitstrukturierung und Verwendung

Es wurde bereits heraus gestellt, dass Erwerbsarbeit in einer Arbeitsgesellschaft maßgeblich die Zeiteinteilung des Alltags in Arbeits- und Freizeit sowie den gesellschaftlichen Rhythmus von Werks- und Feier- bzw. Sonntagen bestimmt. In diesem Kontext bedeutet der Verlust der Erwerbsarbeit auch den Verlust der bisherigen Zeitstrukturen des Alltags und macht durch das veränderte Verhältnis von fremd- und selbstbestimmter Zeit eine Neugestaltung notwendig.

Im Zusammenhang mit Jahodas Modell der psychosozialen Deprivation wurde schon auf das menschliche Bedürfnis nach Zeitstruktur hingewiesen, welche als unterstützender Rahmen im Alltag dient. Die meisten Menschen können auf diese Struktur nicht verzichten, „[they] need a supportive frame within which to shape their individual lives. There are at all times only few who can manage without it" (Jahoda 1982, S. 23). Die individuelle Zeitverwendung und Zeitstruktur spielt demnach auch eine wichtige Rolle beim Erleben und Bewältigen von Arbeitslosigkeit.

Bereits die Marienthalstudie deutete darauf hin, dass der Wegfall von externen Zeitstrukturen eine wichtige Dimension des allmählichen Desintegrationsprozesses in der andauernden Arbeitslosigkeit darstellt (vgl. Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel 1960 S. 68 ff.). So werden die Tage v.a. für die betroffenen Männer als gleichförmig und inhaltsentleert wahrgenommen und oft lediglich durch Schlafens- und Essenszeiten als Fixpunkte umrahmt. Die Zeit verliert in diesem Fall allgemein an Wert, und die hinzugewonnene Freizeit erweist sich als „tragisches Geschenk" (ebd.), denn „Die unbegrenzte Zeit, die keine Struktur hat [...] ist keine Freizeit, sie ist eine ungeheure seelische Belastung" (Jahoda, in Kaindlstorfer 2009). Auch heute zeigt sich v.a. bei älteren Arbeitslosen, dass aufgrund der starken Verinnerlichung von externen, an die frühere Erwerbsarbeit gebundenen Zeitstrukturen, es nicht gelingt, diese fremdbestimmte Zeitordnung durch neue individuelle und selbstbestimmte Formen zu ersetzen. Besonders problematisch ist die Erschaffung neuer Zeitstrukturen auch für Personen, die vor der Arbeitslosigkeit nicht oder nur in geringem Maße in soziale und familiäre Verpflichtungen eingebunden waren. Bei Arbeitslosen hingegen deren Leben bereits vorher durch familiäre und soziale Aufgaben stark strukturiert war, bleibt diese Struktur in der Regel auch in der Arbeitslosigkeit erhalten (vgl. Pelzmann 1988, S. 116 f.).

Neben der Zeitstruktur, die die temporale Ordnung, also den rein formalen Aspekt der Alltagsaktivitäten beschreibt, ist v.a. auch die Zeitverwendung, die sich auf den inhaltlichen Aspekt bezieht, in der Arbeitslosigkeit beeinträchtigt. In einer Untersuchung zur Veränderung von Zeitstruktur und -verwendung bei Langzeitarbeitslosen mithilfe problemzentrierter Interviews, kommen Rogge, Kuhnert und Kastner (2007) zu dem Schluss, dass die Veränderungen in beiden Dimensionen sich individuell stark unterscheiden. In einer Typisierung werden dabei zunächst drei unterschiedliche charakteristische Zeitstrukturmuster differenziert: Rigidität, Rahmenstruktur und Strukturlosigkeit.

Im Fall einer rigiden Zeitstruktur lässt sich kein Zerfall, sondern eine gewisse Konstanz und teilweise sogar Zunahme der zeitlichen Geregeltheit des Alltags festzustellen. Hierbei sind v.a. familiäre Einbindung und eine feste Partnerschaft Faktoren, die den Zerfall von Zeitstrukturen in der Arbeitslosigkeit verhindern bzw. kompensieren können. Ebenso ist die individuelle Fähigkeit die eigene Zeit z.B. durch die Herstellung eines funktionalen äquivalents der früheren Arbeitszeit neu zu strukturieren, relevant. Bei den Typen „Rahmenstruktur" und „Strukturlosigkeit" lassen sich allerdings eine deutliche Erosion der Zeitstruktur und das Fehlen eines die Arbeitszeit substituierender temporalen Rahmens bestätigen. Die frühere Arbeitszeit, ebenso wie die frühere Freizeit, verändert sich also differentiell, in Abhängigkeit von personalen und situationalen Faktoren.

Während sich die Zeitstruktur nicht zwingend verändern muss, verändert sich die Zeitverwendung hingegen durch den Verlust der Erwerbsarbeit notwendigerweise. Hier weist die Studie darauf hin, dass das Alltagsleben, sowohl was die früher am Arbeitsplatz verbrachte Zeit als auch die Freizeit betrifft, einem grundsätzlichen Wandel unterliegt und sich eine als sinnvoll erlebte Zeitverwendung für viele Langzeitarbeitslose als erschwert darstellt. Während vor der Arbeitslosigkeit für einen Großteil der Befragten Ausflüge, soziale, kulturelle und konsumptive Aktivitäten während ihrer Freizeit üblich waren, nimmt in der Arbeitslosigkeit der Anteil der außerhäuslichen Aktivitäten ab und der der häuslichen zu (vgl. Rogge, Kuhnert & Kastner, S. 93). Das Erleben der freien Zeit und das Verbringen eines Großteils des Alltags zuhause wird dabei von 60% der Langzeitarbeitslosen als problematisch beschrieben (vgl. ebd., S. 87). Diese Tendenz zur „kulturellen Verarmung", also der Einschränkung von Freizeitaktivitäten in verschiedenen Bereichen infolge von Langzeitarbeitslosigkeit, wird von vielen weiteren Untersuchungen bestätigt (MAGS 1998, Kuhnert & Kastner 2001). Für positive Bewältigungsprozesse in der Langzeitarbeitslosigkeit besitzen kulturelle und soziale Freizeitaktivitäten jedoch einen hohen Stellenwert. Hobbies, soziale und kulturelle Aktivitäten können etwa die durch fehlende Erwerbsarbeit defizitäre und distressfördernde Gratifikationsstruktur kompensieren. So zeigen sich in einer anderen Studie kulturell, sportlich oder politisch aktiv engagierte Langzeitarbeitslose weniger beansprucht und vulnerabler sowie emotional stabiler und mit mehr sozialer Unterstützung ausgestattet (vgl. Kuhnert & Kastner 2001, S. 288). Das aktive Ausüben von bestimmten Freizeitaktivitäten begünstigt folglich signifikant das Bewältigungsverhalten in der Langzeitarbeitslosigkeit. „Demnach tritt gerade bei jenen Langzeitarbeitslosen, die ohne engagierte Freizeitaktivitäten allein am 'Leitsystem Beruf' orientiert sind, vermehrte Fehlbeanspruchung auf." (ebd., S. 289) Der „Leerlauf im Alltag", nicht wissen was man als nächstes tun soll und das Gefühl des „Nicht-Ausgefülltseins" führt also auch heute noch zu einer gravierenden Entwertung der Alltagszeit in der Langzeitarbeitslosigkeit, selbst die Arbeitslosen, die ansonsten über eine rigide Alltagsstruktur verfügen (vgl. Rogge, Kuhnert & Kastner 2007, S. 94). „Die Männer beschreiben nicht das Fehlen einer zeitlichen Struktur als entscheidend, sondern den Mangel an Aktivitäten, die ihnen als sinnvoll oder erfüllend erscheinen." (ebd., S. 95)

Als Erklärung für den Mangel an Aktivitäten und das negative Erleben des Alltags werden finanzielle, soziale und persönliche Faktoren herangezogen. Auf finanzieller Ebene ist der Konsum im Vergleich zur Zeit vor der Arbeitslosigkeit v.a. bezüglich Ausflügen, Urlauben, dem Besuch von Kino-, Theater- oder Konzertveranstaltungen und anderen kostenintensiven Aktivitäten drastisch eingeschränkt. Darüber hinaus schildern die Befragten auf der sozialen Ebene Belastungen innerhalb des bestehenden sozialen Umfelds, in Form von fehlender Anerkennung oder einem Mangel an sozialen Kontakten und Gefühle der Ausgrenzung und Einsamkeit. Die Tendenz zur Selbstisolation und zum Rückzug von Kontakten ist in vielen Fällen Folge von Selbststigmatisierungsprozessen und Minderwertigkeitsgefühlen (ebd., S. 96 f.). Auf persönlicher Ebene wird auf die zentrale Rolle der Abrufbarkeit von Hobbies und Beschäftigungen außerhalb der Erwerbsarbeit als alternatives identitätsstiftendes Verhaltensrepertoire verwiesen. Denn aufgrund der Bedeutung der Erwerbsarbeit für das Selbstkonzept ist die Identität infolge der Arbeitslosigkeit dauerhaft in Frage gestellt (ebd., S. 98).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die fehlende externe Zeitstruktur im Gegensatz zu Erwerbstätigen, für Langzeitarbeitslose die Herausforderung birgt, den zeitlichen Rahmen des Alltags individuell selbst herzustellen. Der Erfolg dieses Unterfangens ergibt sich v.a. durch den jeweiligen sozialen Kontext und im Rahmen vorheriger Verpflichtungen, wie der Verantwortung gegenüber der Familie oder eines Partners und der Ausübung von alternativen Tätigkeiten und Beschäftigungen.

Desweiteren lässt sich kein direkter Zusammenhang zwischen dem Grad der Strukturierung des Alltags und dem Ausmaß der psychosozialen Deprivation feststellen. Vielmehr ist in diesem Zusammenhang das subjektive Erleben der alltäglichen Zeitverwendung neben der objektiven Zeitstruktur relevant. Die Zeitverwendung stellt sich für Betroffene jedoch tendenziell als erschwert dar. So führen Belastungen im finanziellen und psychosozialen Bereich oftmals zu einer „kulturellen Verarmung" - einer Reduktion von Freizeitaktivitäten in einem breiten sozialen Spektrum. Die Abhängigkeit des Grades der zeitlichen Strukturierung vom sozialen Kontext und das differentielle subjektive Erleben der Zeitverwendung stehen in gewissem Widerspruch zu den Annahmen des Modelles der psychosozialen Deprivation von Jahoda.

  1. Die Darstellung erfolgt hier aufgrund der besseren Vergleichbarkeit im Zeitverlauf, auf Basis aller abhängigen zivilen Erwerbspersonen.
  2. Die Aussagekraft der Zeitreihen ist hier insofern eingeschränkt, als 2005 die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer deutlichen Ausweitung der Zahl der Arbeitslosen führte.
  3. Vgl. ausführlicher zu den Problemen der Messung von Langzeitarbeitslosigkeit: Karr 1997, 2002
  4. Zu den weiteren Phasen vgl. Mohr 1997, S. 22 ff.
  5. Zwischen 2003 und 2007 stieg Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland um ca. eine Mio., während die Zahl der marginal Beschäftigten um 790.000 zunahm. 2007 gab es insgesamt 5,9 Mio. marginal Beschäftigte, also abgängige Beschäftigte, die nicht der Sozialversicherungspflicht unterliegen (StBA 2008, S. 111)
  6. Der Begriff „Langzeitarbeitslosigkeit" wird außer in Kapitel 2 im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht im streng amtlichen Sinne verstanden, sondern wird synonym mit Dauerarbeitslosigkeit und verfestigter Arbeitslosigkeit verwendet. Gemeint ist Arbeitslosigkeit, die einen Großteil der Erwerbsbiographie und die soziale Realität der Betroffenen in besonderem Maße bestimmt.
  7. überblick geben beispielsweise Udris 2005, McKee-Ryan u.a. 2005 sowie Brand & Hollederer 2006.